HAMBURG. – Ob es nach der Bundestagswahl zu einer rotgrünen Koalition kommt, ist ungewiß. Sicher aber ist, daß es in Hamburg jetzt schon vor der Wahl eine gibt.

Krista Sager, Spitzenpolitikerin der Grün-Alternativen Liste (GAL), kommt bei vielen Genossen der Hamburger SPD seit langem gut an. Nach der Senatswahl im vergangenen Jahr drängte es so manchen, mit ihr zusammen zu regieren; doch damals hielt Bürgermeister Henning Voscherau die Freunde noch zurück.

Jetzt aber waren einige nicht mehr zu bremsen, allen voran der 77jährige Martin Meier-Siem. Er gründete eine „Wählerinitiative Krista Sager“. Sie soll dafür sorgen, daß im Bezirk Hamburg-Nord die Wähler ihr Kreuz nicht beim SPD-Kandidaten und Parteifreund Wolfgang Curilla machen, sondern eben bei der GAL-Politikerin. Meier-Siem zufolge hat die Initiative mittlerweile etwa 150 Mitglieder, darunter seien etliche Genossen. Flugblätter wurden gedruckt, das Wahlkampfpaar posierte vor den Pressephotographen.

Das Bild gefiel nicht allen. Hamburgs SPD-Chef Jörg Kuhbier erklärte, Meier-Siem sei sicher klug genug, die Konsequenzen zu ziehen. Die Forderung nach einem Parteiausschlußverfahren wurde erhoben und verschwand wieder: zuviel Wirbel vor der Wahl. Der Bezirksvorsitzende Detlef Scheele vermutet: „Der will ja aus der Partei rausgeschmissen werden. Hier handelt es sich offenbar um einen Fall von Altersstarrsinn.“

Dem sei keineswegs so, hält der Arzt Meier-Siem dagegen. Schließlich habe sich auch Oskar Lafontaine für die Grüne Antje Vollmer stark gemacht. An Austritt denke er nicht, er sei schließlich seit dreißig Jahren treuer Genosse. Die Wählerinitiative richte sich in erster Linie gegen das alte System der Kandidatenfindung, das den „angepaßten, mittelalten Parteifunktionär“ begünstige. Sein Urteil über Krista Sager fällt eindeutig positiv aus: „Sie hat bewiesen, daß sie konfliktfähig ist, ohne in Aggressivität zu verfallen, was häufig bei männlichen Politikern der Fall ist.“ Sie sei kompromißfähig, ohne sich das Rückgrat zu deformieren. Joachim Raschke, Politikprofessor und ebenfalls SPD-Mitglied, ergänzt: „Krista Sager repräsentiert das immer noch Frische der Grünen ohne die Flausen der frühen Jahre.“

Zwei Wahlparties mit ihrer Vorzeigefrau und einige Flugblattaktionen planen die Abtrünnigen noch. Nicht sehr viel, denn Krista Sager braucht dreimal mehr Erststimmen, als die Grünen bei der letzten Bundestagswahl sammeln konnten. Entscheidend könnte die Initiative trotzdem sein: Bei den vergangenen Wahlen siegte der CDU-Mann jeweils knapp vor dem SPD-Kandidaten. Wer Sager wähle, helfe der CDU, argumentiert die SPD. Letztlich behindere die Initiative einen Machtwechsel in Bonn.

Die Grünen und ihr Wahlhelfer zeigen sich unbeeindruckt. Meier-Siem kündigt sogar an, daß die SPD auch auf seine Zweitstimme nicht bauen könne. Die Erststimme gehe ohnehin an Krista Sager. Der Bezirksvorsitzende Detlef Scheele bleibt gelassen: „Meier-Siem selbst kann Krista Sager gar nicht wählen, er wohnt im falschen Bezirk.“ Markus Wacket