Von Michael Lüders

Tripolis

Wie ein Raumschiff gleitet der hellblaue Cadillac durch die Menschenmenge und kommt langsam zum Stehen. Die Türen fliegen auf, zwei bildhübsche Frauen springen aus dem Wagen, gekleidet in italienische Seide, um die Hüften ein amerikanischer Colt. Mit kurzem Kopfnicken aktivieren sie die wartenden „Revolutionsgardisten“, die den Weg frei machen zur Ehrentribüne. Dann steigt er aus, „der Führer, Lehrer und Denker“, „die Quelle unseres Glücks“, „die Sonne, die unser Herz erwärmt“, wie die allgegenwärtigen Spruchbänder verkünden. Gemessenen Schrittes legt Muammar al-Ghaddafi die wenigen Meter zurück, jede Bewegung, jede Geste einstudierte, längst verinnerlichte Theatralik. Die goldenen Orden funkeln in der Sonne, über die beigefarbene Militäruniform spannt sich eine breite grüne Schärpe. Bevor der Oberst die Ehrentribüne betritt, reckt er wortlos die Faust in den Himmel. „Fatih, Fatih!“ skandieren einige Claqueure, hart an der Grenze zur Hysterie.

Fatih bedeutet „Eröffnung“ und meint den Beginn jenes „revolutionären Zeitalters der Volksmassen“, das Libyen am 1. September 1969 ereilte. Damals putschte die Armee unter Führung des erst 27jährigen Ghaddafi, heute einer der dienstältesten Alleinherrscher der arabischen Welt. „Ein Vierteljahrhundert der Siege“ will gebührend gefeiert werden, alle Welt war geladen zum „Fest der Feste“ in der Hauptstadt Tripolis, auch Roman Herzog und Helmut Kohl, die allerdings aus „Termingründen“ absagten. Ghaddafi ist isoliert, die Anreise beschwerlich. Da er sich weigert, zwei mutmaßliche libysche Lockerbie-Attentäter an die USA oder Großbritannien auszuliefern (bei dem Anschlag auf einen Pan-Am-Jumbo über Schottland vor sechs Jahren starben 270 Menschen), verhängten die Vereinten Nationen Strafmaßnahmen. Seit April 1992 ruht der Flugverkehr von und nach Libyen, im vergangenen Dezember wurden die libyschen Auslandsguthaben eingefroren und die Lieferung von Ersatzteilen für die Ölindustrie eingestellt.

Wie dünn die Luft geworden ist für den unberechenbaren Oberst, zeigt schon ein Blick auf die Ehrentribüne. Kein einziger Europäer, kaum ein Araber mit politischem Gewicht, abgesehen vom Generalsekretär der Arabischen Liga und dem Präsidenten Algeriens. Gekommen sind die Bittsteller, die Staatschefs aus Sudan, Niger, Mali und den Komoren, nicht zu vergessen der stellvertretende Ministerpräsident Nordkoreas. Ohne ein Wort zu sagen, verfolgt Ghaddafi die Militärparade, eine Stunde lang rattern mehr als tausend russische Uraltpanzer der T-Serie über die Küstenstraße und reißen den Asphalt auf, mehrmals droht der Revolutionsführer einzunicken. Kaum ist das Spektakel vorüber, erhebt sich Ghaddafi und eilt zu seinem Wagen. „Du Säule des Arabertums!“ ruft ein jemenitischer Journalist, der Oberst lächelt dankbar. Der jahrelange Drahtzieher terroristischer Gewalt wirkt müde und erschöpft, die tiefen Falten in seinem Gesicht sind nicht zu übersehen.

In den vergangenen Monaten war Ghaddafi pausenlos unterwegs, nach alter Beduinensitte zog er mit Zelt und Kamelen durchs Land. Libyen ist eine Stammesgesellschaft, und Ghaddafi hatte allen Grund, mit Versprechungen und finanziellen Zuwendungen die Loyalität der Stämme einzufordern. Im Oktober letzten Jahres kam es in Misrata, zweihundert Kilometer östlich der Hauptstadt, zu einem Aufstand des Wurfala-Stammes, der unter Einsatz der Luftwaffe niedergeschlagen wurde. Am 19. April soll Ghaddafi in Tripolis nur knapp einem Attentat entkommen sein, berichten Diplomaten – möglicherweise die Rache der Wurfala, die den Geheimdienst kontrollieren. Auch die Auslieferung der mutmaßlichen Lockerbie-Attentäter scheiterte bislang: Einer der beiden gehört zum mächtigen Magarha-Stamm, der mehrheitlich die „Revolutionsgarden“ stellt. Aus Gründen der Stammesehre wäre es undenkbar, die Beschuldigten britischen oder amerikanischen Justizbehörden zu überstellen. (Ganz unabhängig von der Frage, ob die libysche Führung daran ein Interesse hätte.)

Ghaddafi, der begnadete Selbstdarsteller, ist nicht allein ein Stratege der Macht, er folgt auch wirren Visionen. Sein legendäres „Grünes Buch“, die „Dritte Universaltheorie“ nach Kapitalismus und Kommunismus, will die „Ära der Volksmassen“ verwirklichen, die „Schluß macht mit den alten ökonomischen Strukturen und sie auf den Köpfen der Ausbeuter zerschlägt“. Ghaddafis aktive Unterstützung von Revolutionären, Widerstandskämpfern und Terroristen aller Couleur brachte ihn Anfang der achtziger Jahre in Konflikt vor allem mit den Vereinigten Staaten; heute zählt Libyen zu den großen Parias der internationalen Gemeinschaft.