Von Helga Hirsch

Braune Augen, dunkelhäutig, schmales Gesicht, schlank und groß: Einen Araber oder Armenier vermuten viele in Andrzej Mirga, dem Vorsitzenden der Roma in Polen, aber fast nie einen Zigeuner. Keine bunten Hemden, keine auffälligen Goldringe an den Fingern – nur ein kleines Halskettchen fast verborgen unter dem Polohemd. Er handelt weder mit Autos noch mit Gold; sein kleines Gehalt als Assistent an der Ethnologischen Fakultät der Jagiellonen-Universität ermöglicht der vierköpfigen Familie gerade eine Zweizimmerwohnung in einem Neubaublock am Rande der Krakauer Altstadt.

Andrzej Mirga ist einer von vier (ja: vier) Roma, die innerhalb der etwa 35 000köpfigen Zigeunergemeinschaft in Polen einen Hochschulabschluß besitzen. 1991 gab er die wissenschaftliche Laufbahn zugunsten einer politischen Tätigkeit auf. Seitdem streitet er für die Rechte seiner Volksgruppe, die er mal (modern und neutral) Roma, mal (traditionell und durchaus liebevoll) Zigeuner nennt, und fordert Toleranz gegenüber ihrer Kultur: „Wir wollen anders sein und möchten dies auch von anderen respektiert sehen.“

Nicht mehr nur Gadsche, Nichtzigeuner, und seien sie noch so gutwillig, sollen für sie sprechen; die Zeit, sich selbst zu vertreten, hält er für gekommen. Obwohl es nahegelegen hätte, wurde die Vereinigung der Roma in Polen 1991 allerdings nicht primär gegen die Diffamierung der in großer Zahl aus Rumänien zugereisten Zigeuner gegründet, deren Frauen, mit Kleinkindern im Arm, bis heute auf den Trottoirs hocken und betteln. Die Polen kommen mit diesen Armutsflüchtlingen besser zurecht als die Deutschen. Die Polen reagierten aber allergisch, als nicht mehr alle Roma dem Stereotyp entsprachen, „arm, dreckig und fröhlich“ zu sein, einige reich wurden und diesen Reichtum, wie alle Neureichen, auch ungeniert zur Schau stellten. Aus Neid erwuchsen Wut und Aggression, und in der Stadt Mlawa entluden sie sich 1991 in einem Pogrom.

Ein Zigeuner, gerade im Besitz eines Führerscheins, hatte ein junges Paar mit seinem Auto angefahren. Der Mann starb, die Frau wurde schwer verletzt: eine menschliche Tragödie. Sie gab einer blindwütigen Menge den Anlaß zu einem ethnischen Rachefeldzug. In zwanzig Villen reicher Roma demolierten die zweihundert Tobenden das Mobiliar, das Porzellan, das gesamte Interieur. Sie warfen Fernseher und Videos aus den Fenstern, rissen sogar Kacheln und Heizungskörper von den Wänden – Flucht rettete den Roma das Leben.

Damals griff Mirga eine Idee wieder auf, die er bereits seit zehn Jahren verfolgt hatte: Die Zigeuner müssen sich gegenüber ihrer Umwelt und den staatlichen Instanzen verteidigen, selbst wenn sie damit (zumindest partiell) in Konflikt zu ihrem traditionellen Verhaltenskodex geraten. „Das Leben“, sagt Mirga, „hat uns nämlich gelehrt, Distanz zu der mächtigen Mehrheit zu halten und uns abzuschotten.“

Der Kontakt nach außen ist unter Zigeunern verpönt. Ein Zigeuner durfte nicht Mitglied der kommunistischen Partei werden – dann galt er als „fremd“, als Zuträger des Geheimdienstes. Auch die außergewöhnliche Dichterin Bronislawa Wajs, allgemein bekannt unter ihrem Zigeunernamen „Papusza (Puppe), wurde Anfang der fünfziger Jahre aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, weil sie dem Schriftsteller Jerzy Ficowski angeblich „Geheimnisse“ verraten hatte – sie starb 1987 in Einsamkeit und geistiger Verwirrung.