Unmittelbar vor der Krönung der Königin erinnert in Bert Brechts „Dreigroschenoper“ der Bettlerkönig Peachum den Polizeipräsidenten Brown an „einen historischen Vorfall: Als der ägyptische König Ramses II. gestorben war, ließ sich der Polizeipräsident von Ninive, beziehungsweise Kairo, irgendeine Kleinigkeit gegen die untersten Schichten der Bevölkerung zuschulden kommen. Die Folgen waren schon damals furchtbar. Der Krönungszug der Thronfolgerin Semiramis wurde, wie es in den Geschichtsbüchern heißt, ‚durch die allzu lebhafte Beteiligung der untersten Schichten der Bevölkerung zu einer Kette von Katastrophen‘“.

So spricht drei Jahrtausende nach dem Vorfall der Bettlerkönig Peachum zum Polizeipräsidenten Brown, und der begreift und schreit „Alarm“.

Zwei Wochen vor dem mutmaßlichen Wahlsieg Helmut Kohls findet am 2. Oktober bereits die Siegesparade durch das Brandenburger Tor statt. Die überparteiliche Kohl-Initiative des Kanzler-Freunds und Kaufhof-Chefs Jens Odewald „Wir für Deutschland-e.V.“ plant für den Vorabend des sogenannten Tages der Deutschen Einheit auf dem Boulevard Unter den Linden ein großes Defilee aus allen alten und neuen Bundesländern, das am Einheitstag selbst durch einen gewaltigen Frühschoppen innerhalb der Bannmeile des Reichstags fortgesetzt werden soll. „Deutschlandfest – Das Land sind wir alle“, so lautet das Motto des eingetragenen Vereins, der von Wirtschaftsfürsten ins Leben gerufen wurde.

Der Verein will der – was immer das auch sei – „Identität unter den Deutschen“ dienen. Juden sind diesmal zugelassen, einer macht sogar mit. Aber auch die abgewickelten Ostdeutschen dürfen sich in dem eingetragenen Verein besonders gut aufgehoben fühlen – der Wir-für-Deutschland-Führer Jens Odewald war zwei Jahre lang Verwaltungsratschef der Treuhand. Er hat sein westdeutsches Kaufhof-Reich durch den Anschluß der ostdeutschen Kaufhallen ausgeweitet.

Das parteiübergreifende Siegesfest in Berlin soll so etwas wie eine deutsche Steuben-Parade werden. Für die Organisation wurde ein ehemaliger ZDF-Chef namens Penk angeheuert, der sehr optimistisch ist: „Es wird. Es nimmt Formen an.“ Aus Brandenburg kommt, so freut er sich, die einzige Luftbrandschutzstaffel Deutschlands, vor allem aber – ob Regine Hildebrandt das weiß? – die Garde der langen Kerls. Aus Mecklenburg-Vorpommern macht mit die Störtebeker-Schauspieltruppe. Und mit Sachsen-Anhalt sieht es auch gut aus: ein Winzerwagen, Harzer Folklore, ein Wagen mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen – Frischeier? –, eine Weinkönigin und Martin Luther. Dessen Reformationskollege Thomas Münzer ist allerdings durch seine Hinrichtung verhindert, und die freigesetzten Kumpel von der nach ihm benannten Thomas-Münzer-Grube in Bischofferode sind im Festzug nicht vorgesehen.

Was aber tun, wenn sie dennoch kommen? Das Land sind wir alle. Sind das nicht auch die Autonomen aus Kreuzberg, die abgewickelten Professoren der Humboldt-Universität, die Erwerbslosen der Treuhandbetriebe? Die Obdachlosen? Was tun, wenn sie in der Annahme kommen, auch sie seien Deutschland?

„Mit Störungen muß man heute in Deutschland überall rechnen“, sagt mir Wir-für-Deutschland-Vorstandsmitglied Willi Schalk. Das sei nur eine Frage der Sicherheitskräfte, wie sie das organisieren. Doch was geschieht, wenn ostdeutsche Arbeitslosenkolonnen mit Transparenten ganz friedlich teilnehmen wollen?