An einem Sommermorgen des Jahres 1905 war Henri Matisse, mit nur wenigen Sous in der Tasche, nach Collioure gekommen und hatte Quartier in der Pension von Madame Rosette an der Avenue de la Gare bezogen. Der bis dahin vom Impressionismus beeinflußte Maler ließ sich bald von Collioures Farbenspiel becircen, so wie es vielen anderen Malern auch erging.

Das Hafenstädtchen liegt zwischen Meer und steilen Weinbergen an der felsigen Côte Vermeille, der karminroten Küste am katalonischen Mittelmeer. So ungebändigt wie die zerklüfteten Klippen waren auch die Farbkompositionen der Bilder, die hier entstanden.

Die mediterrane Lichtorgie hat bis heute nichts von ihrem Zauber eingebüßt: grellgetünchte Fischerboote, das gleißende Weiß salzverkrusteter Fangnetze, das Grün und Blau der Fensterläden. Aus dem Rot der Ziegeldächer ragt das zarte Rosa der käppiförmigen Kirchturmkuppel von Saint-Vincent, halb Leuchtturm, halb Minarett.

Farbe pur und knallig bestimmt die Hafen- und Küstenszenerien, die Matisse zehn Sommer lang in Collioure malte. Sein Künstlerkollege André Derain, der ebenfalls dem Charme des maurisch geprägten Hafenortes erlag, schwärmte in einem Brief an den Maler Maurice de Vlaminck: „Da ist vor allem dieses Licht – ein blondes, goldgefärbtes Licht, das jeden Schatten ausradiert. Für mich hat eine verwirrende Arbeit begonnen, denn alles, was ich bisher gemalt habe, scheint mir beschränkt.“ Die Kritiker zeigten anfangs wenig Begeisterung für den Farbenrausch von Matisse, Derain und den anderen Collioure-Fans wie Georges Braque, Raoul Dufy oder Albert Marquet. Sie wurden als fauves, „Wilde“, abgekanzelt, nicht ahnend, daß der so geprägte Kunstbegriff „Fauvismus“ einmal Karriere machen sollte.

Da die Bilder dieser Epoche, die vor dem Ersten Weltkrieg endete, leider nicht mehr in Collioure selbst, sondern in Museen wie dem New Yorker MOMA oder der Sankt Petersburger Eremitage zu bewundern sind, tüftelte man eine originelle Ersatzschau aus. Der „Chemin du Fauvisme“, in einer handlichen Broschüre beschrieben, führt durch die Gassen und über die Hafenpromenade zu zwanzig großformatigen Reproduktionen von Gemälden von Matisse und Derain. Diese licht- und wetterbeständigen Abbildungen hängen unter freiem Himmel an jenen Stellen, wo die Maler damals ihre Staffeleien aufgerichtet haben.

Wer den Fährten der „Wilden“ nachspürt, wird sich irgendwann auch auf der Terrasse des Hotelrestaurants „Les Templiers“ niederlassen. Nachdem Besitzer Jojo Pous die lokale Fischspezialität, in Olivenöl marinierte Anchovis mit Peperoni, empfohlen hat, zeigt er uns seine einzigartige Kunstsammlung. Die Wände des schummrigen Bistroraumes, in dem nach getaner Siesta die Fischer über die Brüsseler Fangquoten-Eurokraten nörgeln, hängen voll von Bildern illustrer Maler. Die Großeltern von Jojo Pous, die so manch mittellosem Künstler Pastis und Fischsuppe spendierten, bekamen als Dank Meisterwerke geschenkt. Es war der Beginn einer einmaligen Kollektion, die heute mit modernen Gemälden in den Speiseräumen und in den Hotelzimmern ihre Fortsetzung findet. Stolz legt uns der Hotelier das Gästebuch vor, das von Maestros wie Picasso, Matisse oder Dalí mit Miniaturzeichnungen und neckischen Sprüchen geschmückt wurde.

Nach einem Besuch des Friedhofs, auf dem der nach Collioure geflüchtete und dort 1939 verstorbene spanische Dichter Antonio Machado begraben liegt, machen wir einen Abstecher zum dreißig Kilometer landeinwärts gelegenen Céret.