Jean-Marie Fallu blickt von seinem Bürofenster genau auf das Stück kanadischer Küste, an dem weiland der französische Seefahrer Jacques Cartier für seinen König die Flagge aufgezogen hat. Heute, 450 Jahre später, bilden die Nachfahren des Franzosen Cartier eine beachtliche Minderheit in Kanada. Weil das so ist, erscheint Jean-Marie Fallu, dem Direktor des Regionalmuseums von Gaspé, eine Loslösung der frankophonen Provinz Quebec „eigentlich zwingend“. Dabei ist Fallu alles andere als ein glutäugigen Separatist. Er fürchtet nur, daß die Interessen Quebecs, dieser Provinz von der vierfachen Fläche Frankreichs, „zunehmend vernachlässigt werden“.

Ebenfalls in diesen Tagen vor der Parlamentswahl in Quebec am kommenden Montag verkünden fette Schlagzeilen eine andere Botschaft: Neun von zehn Bürgern Quebecs halten Kanada für „das beste Land der Welt“. Ist somit Museumsdirektor Fallu ein Einzelgänger? Durchaus nicht! Denn allen Umfragen zufolge werden die Québécois nächste Woche die Macht der separatistischen Parti Québécois anvertrauen. Sie selbst bezeichnet sich allerdings wohlweislich nicht als „separatistisch“, obwohl die Unabhängigkeit Quebecs ihr oberstes Ziel ist. Statt dessen nennt sie sich „souveränistisch“, was milder klingt.

Typisch für Québec. Guy Laforest, Politikprofessor an der Laval-Universität, erklärt: „Wir sind sowohl glühende Quebec-Nationalisten als auch überzeugte kanadische Patrioten.“ Spötter meinten, die Québécois hätten am liebsten „ein unabhängiges Quebec in einem vereinten Kanada“.

1990 und 1992 widersetzten sich die kanadischen Wähler Verfassungskompromissen, die Quebec mehr Eigenständigkeit eingeräumt hätten. Ein weiterer solcher Anlauf zur Versöhnung ist nicht abzusehen. Denn der Premierminister in Ottawa, Jean Chrétien, wiewohl Québécois, ist ein überzeugter Verfechter eines starken kanadischen Bundesstaates und tut die ständigen Verfassungsquerelen als „Kapriolen“ ab. Dabei verdrängt er, daß inzwischen der separatistische Bloc Québécois die zweitgrößte Partei im Bundesparlament ist, während die drittgrößte, die Reformpartei, überaus québecfeindlich auftritt. Einerseits halten also immer mehr Québécois den Status quo für unbefriedigend. Andererseits sind immer weniger Anglokanadier zu Zugeständnissen gegenüber der frankophonen Provinz bereit.

Der Unmut wächst auf beiden Seiten. Daher darf es nicht erstaunen, wenn am Montag die Parti Québécois von Jacques Parizeau die Macht auf dem Regierungshügel in Quebec-Stadt übernähme. Überdies wirken die Liberalen nach neun Regierungsjahren abgenutzt. Zwei Bücher des renommierten Journalisten Jean-François Lisée: „Der Betrüger“ und „Der Strandräuber“) kommen einer politischen Hinrichtung des langjährigen liberalen Provinzpremiers Robert Bourassa gleich. Aus dessen Schatten vermochte sein Nachfolger Daniel Johnson bisher nicht herauszutreten.

Wie schon das letzte Mal, als in Quebec die Separatisten regierten – damals unter René Levesque, der seit seinem Tod als Nationalheld verehrt wird –, so werden sie erneut das Volk über die Unabhängigkeit abstimmen lassen. „Binnen eines Jahres“ versprechen sie ihren Wählern „ein eigenes Land – Quebec“. Nach heutigen Umfragen wird freilich die Mehrheit auch dann nicht bereit sein, Kanada adieu zu sagen. Bleibt also letztlich alles beim alten?

Nur dem Schein nach. Denn mit der rabiaten Unabhängigkeitskampagne beginnen die „beiden Gründernationen Kanadas“ auseinanderzudriften. Dies zu einem Zeitpunkt, da zum einen viele Anglokanadier Quebec ganz gerne hinausdrängen würden und zum andern die Urbevölkerung – Indianer und Eskimos – immer radikalere Forderungen stellt. „Gott hat Kanada zu einem Land gemacht, das nicht besiegt und nicht zerstört werden kann – es sei denn durch sich selber“, schrieb Anfang des Jahrhunderts ein britischer Besucher. Es bleibt ungewiß, ob das riesige Land auseinanderfällt. Doch der Kitt, der es zusammenhält, wird immer brüchiger. Wie sagte eine junge Frau in Quebec: „Ich fahre diesen Herbst in die Rocheuses (die Rocky Mountains). Wer weiß, wie lange sie noch zu meiner Heimat gehören.“ F.G.