Von Christian Wernicke

Kairo

Sie ist schrecklich nervös. Lange hat Nafis Sadik auf diesen Moment gewartet, auf „diese letzte Szene in einem drei Jahre währenden Drama“. Endlich darf die Generalsekretärin der UN-Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung das Konklave am Nil eröffnen. Doch prompt versagt ihr die Stimme. Drei Jahre lang ist Nafis Sadik um die Welt geeilt, hat sie für ihren „Aktionsplan“ geworben, der eine bessere Welt mit weniger Kindern und gesünderen Müttern verheißt. Sie verhandelte mit Regierungen, mobilisierte Familienplaner und Frauenorganisationen als Verbündete, sprach mit Mönchen, Muftis und sogar mit dem Papst. Jetzt steht sie am Rednerpult vom Cheops-Saal und nestelt fast hilflos an ihrem blauen Sari. Wie das Schauspiel von Kairo ausgehen wird, weiß sie noch immer nicht.

Die unheilige Allianz katholischer und islamischer Fundamentalisten verunsichert inzwischen selbst Nafis Sadik. Die religiöse Propaganda gegen das angebliche UN-Teufelswerk „zur Verbreitung von Unmoral, freiem Sex und Abtreibung“ zielt auf eine Frau, die als Direktorin des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) täglich in ihrem New Yorker Büro bis zu fünfmal betet, als gläubige Muslimin auf Empfängen stets Apfelsaft statt Champagner trinkt und Schweinefleisch meidet. Politisch ist die 65jährige Weltbürgerin aus Pakistan angeschlagen, seit zwei ihrer Glaubensschwestern und vermeintlichen Verbündeten – die Premierministerinnen von Bangladesch und der Türkei – ihre Reise nach Ägypten vorige Woche absagten. Das war Enttäuschung und Warnung zugleich.

Auch andere Regierungen aus der Dritten Welt signalisieren nun ihre Ängste, die feurige Kampagne der Mullahs und Bischöfe könne daheim Proteste und Unruhen entzünden: „Nur keine Provokationen!“ Also beschwichtigt Nafis Sadik, wenn sie zur Eröffnung der Kairo-Konferenz ungewohnt leise an ihre Motive, ihre Ziele erinnert. Jährlich sterben drei Millionen Babys in der ersten Woche nach der Geburt; zugleich gehen etwa 200 000 Frauen an den Folgen einer verpfuschten Abtreibung zugrunde. Das, nicht ihr Aktionsplan, sei „inakzeptabel“. Es bleibt ruhig im Saal.

Nur einmal erlaubte es sich der Welt oberste Familienplanerin bisher, in Kairo ihr Temperament zu zeigen. Das war, als Nafis Sadik Tausende von Frauen und Bevölkerungsexperten begrüßte, die parallel zur offiziellen Konferenz ihr „Forum der Nichtregierungsorganisationen“ veranstalteten. Da empörte sie sich offen über die unseligen Brandprediger, die Verhütungsmittel ablehnen und sogar den medizinischen Beistand für Mädchen in Frage stellen, die nach einem illegalen Schwangerschaftsabbruch zu verbluten drohen: „Wie kann auch nur irgend jemand aus moralischer oder ethischer Sicht dagegen sein?“ Der frenetische Beifall hat ihr gutgetan.

„Ich bin eigentlich keine Diplomatin, sondern Anwältin – und vor allem Ärztin“, sagt Nafis Sadik im Gespräch. Genauer: Sie ist Advokatin der Frauen in den Entwicklungsländern. Und als solche legt sie sich – „wenn es denn sein muß“ – mit allerlei Autoritäten an. Daheim in Pakistan tadelt sie die politische Klasse, die „ein lausiges Programm der Familienplanung verantwortet“; in Rom stritt sie im Frühjahr mit dem Papst über Pille und Kondome. Und auch in New York verprellt sie manchen Mann: Noch in diesem Jahr will sie an jedem zweiten Experten-Schreibtisch von UNFPA eine Frau sehen; dafür könnten ja im Sekretariat endlich auch ein paar Herren eingestellt werden.