Von Rainer Luyken

Crossmagien (Nordirland)

Kurz vor Mitternacht bemerkt Paul Rooney: „Fünf Minuten bis zum Frieden.“

Die Hubschrauber, die eben noch über den Hausdächern knatterten, sind verstummt. Draußen ist es still. Der Frieden kommt wie ein Schweigen. Aber dann ergeht sich Mary McConnon in einer langatmigen Anekdote über eine Kommunionsfeier und dazwischenfunkende Soldaten, und wir verpassen den historischen Augenblick. Es ist schon drei Minuten nach zwölf, als Paul aufsteht und feierlich erklärt: „Es ist Frieden.“

Wir anderen bleiben um den Küchentisch sitzen. Wir geben uns die Hand. Jemand sagt: „Die Engländer brauchten sechs Jahre, um Deutschland zu besiegen. Die IRA haben sie in 25 Jahren nicht besiegt.“ Nur Paul versucht, seine Gefühle in Worte zu fassen. „25 Jahre Krieg“, sagt er, „das ist eine lange Zeit. Für mich ist es eine große Last, die von meinen Schultern genommen wird. Man hat so viel Leiden gesehen.“ Dann hebt er beide Arme in die Höhe und sagt noch einmal: „Es ist Frieden.“

Der Beginn der Waffenruhe in Nordirland ist in Crossmagien ein gedämpftes Ereignis. Crossmaglen, unweit der irisch-irischen Grenze, liegt in einer Gegend, die englische Zeitungen meist nur bandit country nennen, „Räuberland“. Die Pubs am Marktplatz, aus denen sonst oft bis in die frühen Morgenstunden IRA-Lieder schallen, sind geschlossen. Oberhalb des Platzes türmt sich dunkel und bedrohlich der schwerbefestigte Armeestützpunkt. An hohen Matten und Türmen angebrachte Nachtlichter starren wie blutunterlaufene Roboteraugen in die Finsternis. Es ist eine Stille, als grübele jeder für sich über die Vergangenheit.

Der nordirische ist ein merkwürdiger Krieg. In weiten Teilen des Landes ist er kaum zu bemerken. Die Zahl der Opfer ist relativ gering, im Straßenverkehr der Provinz starben etwa doppelt so viele Menschen. Unbeteiligte bemerken den Krieg kaum. Dort, wo er stattfindet, dringt er allerdings wie ein Gift in jede Faser des Lebens. Es ist ein Krieg im Halbdunkel. Fianna Eireann, die Jugendorganisation der IRA, sondert vier von fünf Freiwilligen als Teenager wegen mangelnder Eignung aus. Auf britischer Seite führen ihn in vorderster Linie die lance corporate, die Patrouillenführer. Sie kennen in ihrem Revier jedes Haus, jedes Gesicht. Sie sind Zuträger und ausführende Organe der Nachrichtendienste, kennen jeden Namen, der auf der Verdächtigenliste steht. Die wichtigsten Rekruten der protestantischen Untergrundarmeen sind eben diese Landser nach ihrer Demission. Wenn man in der Zeitung von sektiererischen Willkürmorden liest, handelt es sich in Wirklichkeit meist um zielgenaue Aktionen.