Von Boris Groys

Am Ende des 19. Jahrhunderts wollten viele in Europa nicht mehr an die Ideale der bürgerlichen Zivilisation glauben: Wissenschaftliches Weltbild, technischer Fortschritt, Individualismus, liberaldemokratische Ordnung und Dominanz des Ökonomischen gerieten in Verruf. Man suchte nach dem „anderen“ innerhalb und außerhalb des tristen europäischen Alltags. Die russische Intelligenzija dieser Zeit wurde – vor allem unter dem Einfluß der westlichen ästhetischen Moderne – ebenfalls von dieser Suche mitgerissen. Die Jahrhundertwende bedeutete für das russische kulturelle Leben einen schnellen Wechsel der Orientierungen: weg vom wissenschaftlichen und sozialen Progreß – hin zu den Visionen einer völlig anderen, ekstatischen, radikal utopischen, spirituellen Ordnung. Dieser Orientierungswechsel führte zu einer neuen Entdeckung Rußlands, denn Rußland war damals keineswegs völlig verbürgerlicht. Es blieb in ihm noch viel Altes, anderes, Nichtwestliches, Byzantinisches: die orthodoxe Kirche, das Zarentum und die traditionelle Lebensweise der russischen Bauern.

Noch vor kurzem hatte die russische Intelligenzija alles das im Namen der westlichen Aufklärung als „dunkle Kraft“ bekämpft und endgültig zu überwinden gehofft. Plötzlich stellte sich aber heraus, daß gerade diese „dunkle Kraft“ wegen ihrer radikalen Andersartigkeit als die gesuchte geistige Alternative dienen konnte. Aus dieser Einsicht entstand die eigenartige Verbindung zwischen der radikalen ästhetischen Moderne und der Verliebtheit in alles „Reaktionär“-Byzantinisch-Russsische, die die Atmosphäre des sogenannten Silbernen Zeitalters der russischen Kultur vor dem Ersten Weltkrieg bestimmt hat. Durch eine ästhetische Selbststilisierung als Alternative Zum bürgerlichen Westen haben die Russen versucht, die äußerste Spitze der damaligen künstlerischen Avantgarde zu besetzen. Diese Strategie hat sich tatsächlich als erfolgreich erwiesen.

Am konsequentesten ist diese Strategie im Werk von Pawel Florenski (1882-1937) verkörpert, der ein Priester der russischen-orthodoxen Kirche und zugleich ein bedeutender und durchaus auf der Höhe seiner Zeit denkender Philosoph, Wissenschaftler und Schriftsteller war. Unter den führenden Vertretern des Silbernen Zeitalters war er eindeutig der konservativste: Er wendete sich mit äußerster Entschiedenheit gegen alle Versuche, die orthodoxe Kirche der Moderne anzupassen, sie mit den liberalen, sozialistischen, emanzipatorischen Tendenzen der Zeit zu versöhnen, ihre radikale Andersartigkeit und ihren totalen geistigen Anspruch in Frage zu stellen. Dadurch wurde er zu einer relativ isolierten Figur, denn die Mehrheit der russischen Philosophen und Autoren seiner Zeit war bestrebt, den Geist des östlichen Christentums aus seiner jahrtausendelangen Knechtschaft unter Buchstabe und Ritual zu befreien, um ihn in der menschlichen Geschichte wirken zu lassen.

Florenski hingegen bestand darauf, daß der Geist vom Buchstaben nicht zu trennen ist, daß es keinen verborgenen Inhalt gibt, der aus einer „alten Form“ befreit werden könnte, und daß das Ritual nicht etwas „ausdrückt“, das unter Umständen auch anders – und sogar trefflicher – ausgedrückt werden könnte, sondern mit dem Sinn identisch ist.

Damit argumentiert Florenski aus einem Verständnis des Zeichens, der Sprache und des Bildes heraus, das die äußerste künstlerische Avantgarde seiner Zeit charakterisiert. Das Zeichen ist für Florenski in erster Linie materiell und autonom. Wort, Bild und Ritual sind materielle Dinge oder Prozesse, die ihre eigene Realität haben und! auf den bloßen Ausdruck von etwas anderem – einem Geist, Inhalt, Sinn und so weiter – nicht reduziert werden dürfen. Deswegen lehnt Florenski jede kirchliche, soziale oder kulturelle Reform entschieden ab.

Was für andere Befreiung ist, ist für Florenski Zerstörung. Die Suche nach einem „besseren Ausdruck“, einer „besseren Welt“ oder einem „wahren Glauben“ trügt in seinen Augen, weil die Bilder, Rituale und Sprachen der Tradition nicht nur ein Schleier sind, der die Realität verbirgt, sondern ihre eigene Realität haben – sie sind die Realität schlechthin. Alles andere, was hinter den Zeichen der Tradition angeblich stecken sollte, ist dagegen nur vage Hoffnung und subjektive Illusion.