BERLIN. – Der Audi 100 steht mit beiden Rädern drauf, der Honda vor ihm hat den roten Strich hingegen peinlich genau respektiert. Eine merkwürdige Parkraummarkierung, hier vor dem Berliner Abgeordnetenhaus. Anstatt wie üblich in Weiß hat das Tiefbauamt in roter Farbe einen Streifen auf den Asphalt gezogen. Extrawurst für die Limousinen der Volksvertreter? Nichts dergleichen. Nur die Berliner Mauer. Genauer gesagt: das, was nicht mehr von ihr übrig ist. Der rote Strich auf der Straße zeichnet ihren ursprünglichen Verlauf. Die Markierung ist harmlos, man kann sie überfahren, überspringen oder einfach übersehen. Sie macht keine Gänsehaut. Der rote Strich ist kein Todesstreifen, er ist ein Teststreifen. An ihm soll erprobt werden, wie sich Geschichte wachhalten läßt.

In zwei verschiedenen Variationen wollen Berliner Künstler entlang dieser Markierung in den nächsten Wochen die Mauer wieder kenntlich machen – ohne sie erneut zu errichten. Im Auftrag des Berliner Abgeordnetenhauses wird der Publizist und Architekturkritiker Gerwin Zohlen den Mauerverlauf durch ein fünf Zentimeter breites Kupferband im Asphalt sichtbar machen. Die Künstlerin Angela Bohnen hat wenige Meter weiter ein zwanzig Zentimeter breites Band aus blauroten Betonintarsien als Markierung des ehemaligen Todesstreifens gewählt. Was zunächst probehalber auf dem roten Strich vor dem Abgeordnetenhaus sichtbar sein wird, soll sich später einmal quer durch die wiedervereinigte Stadt ziehen – durch Grünanlagen und Ministergärten, an Hausfassaden entlang, über Brückenköpfe und einst durchschnittene Straßenbahngleise hinweg.

Die beiden Teststreifen vor dem Abgeordnetenhaus muten an wie eine Notbremse gegen das Vergessen. Sie wollen die Spuren der Teilung wieder freilegen, die in der großen Vereinigungseuphorie so bemüht verwischt worden sind. Denn fast fünf Jahre nach der Maueröffnung fahnden Berlin-Besucher heute irritiert nach Resten der steinernen Grenze. Ünd auch die Berliner selbst ertappen sich bei fragenden Blicken und geraten in Streit: „Lief sie wirklich an dieser Straße entlang? Aber das Haus da drüben war Ost! Nein West!“ Gar nicht schnell genug konnte die „Schandmauer“ einst aus dem Stadtbild verschwinden. Heute überwuchern eilig angelegte Grünanlagen die Nahtstellen der Teilung, frisch asphaltierte Wege erwecken den Eindruck, der Grenzstreifen sei schon immer nichts anderes als eine Fahrradroute gewesen. Nur an wenigen ausgesuchten Stellen wie am geplanten Mauermuseum in der Bernauer Straße oder am Checkpoint Charlie versucht die Stadt noch bewußt, sich der Teilung zu erinnern.

Gerwin Zohlen hat diese „Geschichtslosigkeit“ gegenüber dem Bauwerk, das Berlin so geprägt hat wie kein anderes, alarmiert: „Ich glaube, daß es kein anderes europäisches Land gibt, das die Spuren so radikal ausgelöscht hätte wie die Deutschen.“ Ein Kupferband auf dem Boden soll zumindest die 43,1 Kilometer der innerstädtischen Mauer wieder sichtbar machen. Eine Erinnerung „ohne Pomp und pädagogischen Zeigefinger“ soll der Streifen werden, als Orientierung und historische Gedächtnisstütze gedacht. Er soll zwar die Narben zeigen, aber dem Prozeß des Zusammenwachsens nicht im Wege stehen. Überall dort, so plant es Zohlen, wo Neubauten auf dem Mauerstreifen errichtet werden, könnte der Kupferstreifen an der Hausfassade entlanglaufen und damit zum Zeugnis für das werden, was sich im Laufe der Jahre verändern wird.

Seit 1990 schon geht Zohlen mit seiner Idee vom Kupferband antichambrieren. Überall erntete er Wohlwollen, bloß sonst leider nichts. Umweit- und Kultursenat klopften ihm auf die Schulter, verwiesen jedoch zugleich auf die leeren Kassen. Für die Realisierung des Projekts, Zohlen schätzt die Kosten auf zwölf bis fünfzehn Millionen Mark, fehlt es an Geld. Auch ein Hilferuf in Richtung Bonn brachte viele lobende Worte, aber keine Mittel: Das Projekt der Markierung des Mauerverlaufs sei eine „unterstützenswerte Idee“ – deren Realisierung jedoch Sache des Berliner Senats, verlautbarte das Innenministerium auf eine kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen. Der Senat tat sich bisher schwer mit seiner Zuständigkeit für die Erinnerung: Schon 1992 hatte der grüne Stadtabgeordnete Albert Eckert vergeblich angemahnt, der Senat möge „eine Gesamtkonzeption zum Umgang mit der Mauer“ erstellen und bis dahin die Abrißarbeiten an den wenigen noch erhaltenen Fragmenten stoppen. Ein Jahr später stellte Eckert den Antrag, Zohlens Idee eines Kupferbands und die Intarsienmarkierungen der Künstlerin Angela Bohnen wenigstens am einstigen Mauerverlauf vor dem Abgeordnetenhaus zu erproben. Fast ein weiteres Jahr ging ins Land, bis die Berliner Volksvertreter dieses Experiment nun absegneten.

Egal welche der beiden Ideen in den nächsten Wochen die größte Zustimmung findet, die Millionen für ihre Umsetzung quer durch die Stadt liegen nach wie vor nicht bereit. Kupferband-Verfechter Eckert will sich deshalb auf eine Erfahrung mit der alten Mauer besinnen: Kurz nach der Wende waren die Mauerstücke teuer bezahlte Reliquien und Sammlerobjekte. Warum sollten private Spender und Sponsoren jetzt nicht das Kupferband auf dem Asphalt finanzieren?

Vera Gaserow