Von Volker Ullrich

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts wurde Europa von einer grauenvollen Epidemie heimgesucht. Die Haut der Kranken verfärbte sich bläulich-schwarz; die Lymphknoten schwollen an. Rasende Schmerzen, Fieberschübe, Halluzinationen quälten die Infizierten, bevor der Tod sie nach wenigen Tagen erlöste. Das „gewaltigste, furchtbarste und schrecklichste“ Szenario, das die Stadt je gesehen habe, so beschrieb Agnolo di Tura, einer der großen italienischen Chronisten des 14. Jahrhunderts, die Wirkung der Seuche in Siena. „Viele waren überzeugt und äußerten, das Ende der Welt sei gekommen.“

Was schon die Zeitgenossen entsetzte, hat auch das Interesse der Historiker gereizt. Über kaum ein zweites Ereignis der mittelalterlichen Geschichte ist so viel geschrieben worden wie über die Große Pest der Jahre 1347 bis 1351, eine der größten Katastrophen der europäischen Geschichte. Der Medizinhistoriker Klaus Bergdolt bietet in seiner faszinierenden Monographie keine grundlegend neuen Erkenntnisse, wohl aber eine souveräne Zusammenfassung dessen, was die sozial- und kulturhistorische Forschung in den letzten Jahrzehnten herausgefunden hat. Darüber hinaus zieht er immer wieder Berichte von Chronisten heran, die die Seuche aus der Nähe erlebten, ja häufig selbst an ihr erkrankten. Das verleiht seiner Darstellung ein hohes Maß an Farbigkeit und Authentizität. Insgesamt ist das Buch zügig und gut lesbar geschrieben, sieht man einmal von dem Abschnitt über das klinische Bild der Pest ab. Das Geklapper mit dem Fachjargon gehört offenbar zur Berufskrankheit von Medizinern.

Bergdolt verfolgt zunächst die Ausbreitungswege der Seuche von Zentralasien nach Westen. Im Frühjahr 1347 hatte sie die Krim erreicht. Von den Hafen- und Handelsstädten der Levante trat sie ihren Todeszug durch Westeuropa an. Italien wurde, von Sizilien aufwärts, in geradezu dramatischer Weise von der Pest überrollt. Danach waren Frankreich und die Iberische Halbinsel an der Reihe, aber auch England und die deutschsprachigen Länder blieben nicht verschont. Von Norddeutschland aus eroberte die Seuche schließlich auch Skandinavien. Innerhalb weniger Jahre wurde Europa in ein einziges großes Leichenhaus verwandelt.

Der Autor interessiert sich besonders dafür, wie der Schwarze Tod die sozialen Beziehungen der Menschen untereinander veränderte. Sein düsteres Panorama des Pestalltags zeigt eine Gesellschaft im Ausnahmezustand. Die überkommenen Ordnungen und Institutionen brachen zusammen; die staatlichen Gewalten waren zeitweilig nicht mehr handlungsfähig. In vielen Städten herrschten chaotische Zustände, machten sich Rücksichtslosigkeit und Kriminalität breit.

Christliche Nächstenliebe, soziales Gewissen, familiäre Bindungen – das zählte nicht mehr. Der Autor spricht von einer Verschwörung der Gesellschaft gegen die Kranken, ja von einem „Ende der menschlichen Solidargemeinschaft“. Die noch Gesunden suchten jeden Kontakt mit den bereits Infizierten zu vermeiden. Eltern überließen Kinder ihrem Schicksal; Priester weigerten sich, den Sterbenden die Sakramente zu reichen; Städte schlossen sich hermetisch gegen die Außenwelt ab. „Mit brutaler Logik“ – so Bergdolt – wurden die Kranken separiert und aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen. Sie starben einen einsamen Tod inmitten des allgemeinen Massensterbens. Mit Leichenkarren wurden die Toten fortgeschafft und in Massengräbern verscharrt.

Im Kampf ums Überleben waren die Chancen sehr ungleich verteilt. Am stärksten betroffen waren, wie bei allen großen Seuchen in der Menschheitsgeschichte, die Ärmsten der Armen, die in beengten, elenden Quartieren – den Brutstätten für die Verbreitung von Epidemien – hausten. Dieser Aspekt wird allerdings von Bergdolt nur gestreift (im Unterschied etwa zum englischen Sozialhistoriker Richard J. Evans, der am Beispiel der Hamburger Choleraepidemie von 1892 den Zusammenhang von gesellschaftlicher Ungleichheit und Krankheit scharf herausgearbeitet hat). Die Flucht aus den verseuchten Städten und Regionen war den Wohlhabenden viel eher möglich als den Bedürftigen. In Boccaccios „Decamerone“ wird geschildert, wie sieben Damen und drei Männer der vornehmen Florentiner Gesellschaft sich in eine Landvilla zurückziehen, um der Ansteckungsgefahr zu entgehen.