Noch waren die letzten Russen nicht aus Deutschland abgezogen, da standen die Deutschen, pardon: die Deutsch-Österreicher schon wieder tief im Osten. Ein erster Vorstoß auf Wolgograd (siehe ZEIT vom 28. 1. 1994) war fehlgeschlagen – wie schon einmal, damals hieß die Stadt noch Stalingrad. Doch am 20. August nun konnte die Denkmal-Offensive für Wehrmachtsgefallene, mit der im Osten „Versöhnung“ gestiftet werden soll, endlich einen ersten Durchbruch melden, und zwar im russischen Eismeerhafen Muimansk.

Dort wurde, man ist versucht zu sagen: handstreichartig und ohne störende Öffentlichkeit, ein österreichisches Denkmal, das sich auch bayerischer Förderung erfreut, für die im hohen Norden gefallenen Wehrmachtssoldaten enthüllt. Inschrift: „Hier kämpften und starben Gebirgsjäger, Infanteristen, Artilleristen und Matrosen... Errichtet von Veteranen der Alpenländer ... Die Toten mahnen die Lebenden: Vergeßt uns nicht! Behütet die Heimat! Haltet Frieden! Vom deutschen Angriffskrieg versöhnungsgemäß kein Wort. Was bleibt, sind Opfer. Und ein klein wenig mehr: Ein überdimensionales Eisernes Kreuz schmückt die Stirnwand der Anlage. „Die Gestaltung muß selbstverständlich zurückhaltend sein“, teilt die alpenländische Initiative mit, „jedoch muß unser Selbstbewußtsein damit dokumentiert werden“ Oder, wie der Wiener Stadtbaumeister und Denkmalsarchitekt Helmut Kern die Sache sieht: „Wenn in den Bergen jemand abstürzt, errichten wir ihm ein Marterl. Und das ist halt ein großes Marterl.“

Währenddessen stehen die Chancen für das geplante Wehrmachtsdenkmal in Wolgograd nicht mehr so gut. In der russischen Öffentlichkeit meldet sich Protest. Der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge hat sich bereits zurückgezogen. Die Sache verschiebt sich ins nächste Frühjahr. Oder scheitert. Doch das wird teuer werden – für die Russen! Denn wenn auch sie sich dem Projekt verweigern, müssen sie den Österreichern vertragsgemäß ein kräftiges Ausfallhonorar zahlen. Was ja auch keine schlechte Pointe wäre: Schmerzensgeld für verweigerte Versöhnung!

Klaus Naumann