Von Dietmar H. Lamparter

Ein kurzes „Plop“, und das Auto durchstößt die vor dem Rollenprüfstand aufgespannte Papierwand. Beifall brandet auf. Im VW-Werk in Mosel bei Zwickau läuft das „250 000. VW-Fahrzeug aus Sachsen“ vom Band. Vor den Kameras des Mitteldeutschen Rundfunks übergibt Werkschef Gerd Heuß den leuchtend roten Golf aus der Sonderserie „Pink Floyd“ an einen jungen Werksangehörigen. Der Chef betont an diesem Tag immer wieder, wie stolz er auf seine 2000 Mitarbeiter ist: Beim Qualitätsvergleich im Konzern liegen die Moselaner „im oberen Drittel“, täglich laufen jetzt 420 Golf vom Band. Dabei habe man in der Halle, die ursprünglich für die Endmontage des Trabant gebaut wurde, höchstens 350 für möglich gehalten.

Eine halbe Autostunde weiter östlich bei den 405 Beschäftigten der Heckert Werkzeugmaschinen GmbH in Chemnitz keimt ebenfalls neues Selbstbewußtsein. „Unsere Produktivität liegt fast schon auf dem Niveau westdeutscher Betriebe“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Gerhard Sonntag. Der Abstand, so hat ihm der Chef der neuen Muttergesellschaft Traub AG aus dem württembergischen Reichenbach versichert, mache weniger als zehn Prozent aus.

Es rührt sich wieder etwas in Sachsens Wirtschaft. Die Umsätze der Industrie stiegen im ersten Quartal dieses Jahres um fünfzehn Prozent. Und die jüngste Konjunkturbefragung unter ostdeutschen Maschinenbauern bestätigt die steigende Tendenz: Lag die Auslastung der Anlagen vor zwei Jahren noch bei dürftigen 60 Prozent, so waren es im zweiten Quartal 1994 bereits wieder 77 Prozent. Die Sachsen schafften sogar 83 Prozent.

„Die westdeutsche Konkurrenz wird sich noch wundern“, beschwört Kajo Schommer, Staatsminister für Wirtschaft und Arbeit, in der Landeshauptstadt Dresden das Comeback der sächsischen Industrie. Die Stimmung im Ministerium ist aufgeräumt. Kurz vor den Landtagswahlen am kommenden Sonntag, in denen die CDU wieder um die absolute Mehrheit kämpft, bekamen Wahl-Sachse Schommer und Landesvater Kurt Biedenkopf sogar Schützenhilfe aus Amerika. Das kalifornische Unternehmen Advanced Micro Devices (AMD) ließ Pläne für den Bau einer zwei Milliarden Mark teuren Chipfabrik in Dresden bekanntwerden. Obwohl der AMD-Aufsichtsrat erst nach der Wahl entscheidet, gibt sich Schommer siegessicher: „Die Sache ist praktisch gelaufen.“ Nach der Siemens-Chipfabrik, deren Bau gerade begonnen wurde, wäre dies die zweite große High-Tech-Investition in der Stadt an der Elbe: 1400 neue Arbeitsplätze winken.

Derartige Milliardenprojekte kann kein anderes neues Bundesland vorweisen. Doch Großinvestitionen sind ebensowenig typisch für Sachsen wie die Boomstadt Dresden, die in diesem Sommer von Touristen überschwemmt wurde. Repräsentativer für den traditionsreichen Industriestandort Sachsen ist Chemnitz. Die 280 000-Einwohner-Stadt am Fuße des Erzgebirges, die fast vierzig Jahre lang Karl-Marx-Stadt hieß, spiegelt das Auf und Ab der Industrie im mit 4,6 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Bundesland im Osten wider.

Im Chemnitzer Raum begann um das Jahr 1800 die industrielle Revolution in Deutschland. Es wurden Spinnmühlen und Tuchfabriken gebaut, die aufkommende Textilindustrie im „deutschen Manchester“ brauchte Maschinen – so wurde Sachsen zur Wiege des deutschen Maschinenbaus. Dazu kamen später Autos: Horch und Audi aus Zwickau, DKW aus Zschopau und Wanderer aus Chemnitz, die spätere Auto Union.