Von Jürgen Krönig

Präsident Clinton sendet ihm persönliche Botschaften. Der irische Premier Albert Reynolds wirbt ostentativ um ihn, in Downing Street steht ihm die Tür stets offen. Gleichwohl ist James Molyneaux, Führer der Official Unionists, außerhalb Nordirlands weithin unbekannt. Über Molyneaux zu berichten galt bei Journalisten bislang als Tortur – „so spannend, wie dem Wachsen des Grases zuzuschauen“. Schon deshalb konzentrierten sich die Medien lieber auf Reverend Ian Paisley von der Demokratie Unionist Party. Schließlich ist der Chef der anderen, zweitstärksten Protestantenpartei ein wortgewaltiger Demagoge. Gerade erst hat er James Molyneaux als „Judas Ischariot“ beschimpft, weil der nicht bereit ist, sich Paisleys totaler politischer Verweigerung anzuschließen. Genau darin aber liegt der Grund, warum der 74jährige Parteiführer jetzt zu einer Schlüsselfigur im nordirischen Drama geworden ist.

Ohne die protestantische Mehrheit wird es kein nordirisches Happy-End geben. Von London über Dublin bis Washington hofft man nichts sehnlicher, als daß sich James Molyneaux als visionäre Persönlichkeit, als eine Mischung aus De Klerk und Mandela entpuppen möge. Selbst wenn britische Nordirlandexperten an solch wundersame Wandlung kaum glauben mögen – John Major und seinem irischen Kollegen Albert Reynolds bleibt gar nichts anderes übrig, als auf Molyneaux zu setzen. Sie haben keinen anderen, er ist ihr einziger Gesprächspartner, sie können nur darauf hoffen, daß der spröde, schweigsame Politiker genug Autorität besitzt, um die demoralisierten, verängstigten Protestanten von ihrem starren Denken („keine Unterwerfung“) abzubringen.

Seit vierzehn Jahren führt James Molyneaux die Official Unionists. Er pflegt den Stil eines Kabinettspolitikers des 19. Jahrhunderts, arbeitet mit Vorliebe hinter den Kulissen. Die „Sphinx“ nennen seine Mitarbeiter den Junggesellen, der klassische Musik und seinen Garten liebt. Oft genug wissen nicht einmal sie, was hinter der hohen Stirn des zerbrechlich wirkenden älteren Herrn vor sich geht. Nur gelegentlich läßt er durchblicken, was man in Umrissen als seine „Strategie“ bezeichnen könnte. 1991 tat er kund, er wolle fortan als „Insider“ in der Londoner Regierung tätig sein. Offenbar ahnte er schon damals, daß der „Wind des Wandels“ eines Tages auch durch Ulster wehen würde. Nach der Parlamentswahl 1992 nutzte er die Chance, die sich durch die reduzierte Tory-Mehrheit im Unterhaus bot. Er führte die neun Abgeordneten seiner Partei dem bedrängten John Major als Hilfstruppe zu. Ohne sie wäre der Premier vielleicht schon nicht mehr im Amt, wäre Maastricht im Unterhaus wohl gescheitert. Jetzt darf Molyneaux die Früchte dieses Schachzugs ernten. Er ist zum Gradmesser dessen geworden, was London den Protestanten zumuten darf.

In den dramatischen Tagen nach der Verkündung des Gewaltverzichts durch die IRA reagierte Molyneaux besonnen; er dämpfte die Erregung der Unionisten; er lehnte es ab, in das Geschrei vom „britischen Verrat“ einzustimmen, auch wenn er die tiefe Skepsis der meisten nordirischen Protestanten gegenüber der IRA teilt. Molyneaux glaubt nicht, daß sich die IRA wirklich gehäutet hat. Das Fehlen des ominösen Wortes „permanent“ in der Waffenstillstandserklärung gilt ihm dafür als ein sicheres Indiz: „Wenn die IRA permanent’ hätte sagen wollen, hätte sie dies getan.“

James Molyneaux weiß, daß es fatal wäre, würden seine Unionisten in der Neinsager-Ecke verharren. Er bleibt skeptisch, ist aber verhandlungsbereit. Und immer wieder beruhigt er seine Anhänger mit dem Hinweis auf die Trumpfkarte der Protestanten – die Garantie, zu wiederholten Malen von den Regierungen in London und Dublin bekräftigt, daß es gegen den Willen der Mehrheit keine Veränderungen des Status von Nordirland geben wird.

Zugleich aber offenbart sich hier das Dilemma der Protestanten, das Molyneaux in seiner Mischung aus Traditionssinn und Unbeweglichkeit geradezu personifiziert. Ihre Politiker ziehen sich auf Rechtspositionen zurück. Dabei wären gerade jetzt neue kühne Ideen gefragt, um das unheilvolle Patt in der Provinz aufzubrechen. Sollte es zu Verhandlungen kommen, wird das personelle und intellektuelle Defizit der Unionisten schmerzlich zutage treten.