Alle reden über HipHop, und alle reden gleich darüber. Was vor einigen Jahren mit begeisterten Berichten in den special interest-Magazinen der Rap-Fans anfing, hat inzwischen die Feuilletons der Tageszeitungen und die Kulturredaktionen der Nachrichtenmagazine erobert. Ghetto-Lyrik & Cartoon-Gangsterism sind zu Themen geworden, die auch ein gutsituiertes Publikum erreichen.

Aber dieses Interesse scheint die Betrachtung des eigenen Blicks auszuschließen. Die Stereotype des Sprechens über HipHop erinnern an jenen „dekorativen Rassismus“ der zivilisationsmüden Pariser Avantgarde, der in den zwanziger Jahren die afroamerikanische Tänzerin und Sängerin Josephine Baker als „Kleopatra des Jazz“ nach oben trug.

Anders als damals geht es heute jedoch nicht um mythologische Exotismusschwärmereien von einer „ursprünglichen Emotionalität und Authentizität der Negroes“. In harten Zeiten sind härtere Nachrichten gefragt: Die Themen des HipHop rühren an die geheimen Ängste seiner europäischen Rezipienten. Denn sie erörtern Strategien der Bewährung in radikalisierten sozialen Auseinandersetzungen und thematisieren den Schrecken der Verelendung in einem für das Genre typischen „nihilistischen“ Unterton. Das ästhetisch vermittelte Erschrecken über die prekäre Situation in den Armutsvierteln amerikanischer Metropolen führt hierzulande nur selten zu einer kritischen Sicht auf die „kulturalisierten“ Verteilungskonflikte in den Vereinigten Staaten. Statt dessen befördert es eine ganz eigenartige Faszination.

So griff beispielsweise der Spiegel in einem Sonderheft „Pop & Politik“ eine in subkulturellen Zusammenhängen geführte Debatte über Veränderungen in der Popmusik auf, in der zwei Phänomene im Mittelpunkt stehen: die Art und Weise, wie der HipHop das im Pop so häufig ignorierte Soziale wieder anspricht, und das Auftauchen von deutschen Nazibands in der bisher pauschal als progressiv geltenden Rockmusik.

Während jedoch die Diskussion in der Subkultur sehr differenziert geführt wird, holt der Spiegel gängige Schablonen heraus: HipHop liefere „den Soundtrack zu den Rassenunruhen“.

Solche Interpretation bleibt völlig unbeeindruckt von der wohlbegründeten Ablehnung des Rassenbegriffes und befangen in einer simplifizierten Logik des kausalen Erklärens – sie mißversteht HipHop als unmittelbaren kulturellen Ausdruck der „Lage der Schwarzen“.

Damit steht der Spiegel nicht allein, seit die großen Medien das Thema entdeckt haben. Von der Frankfurter Rundschau („Gangsta-Rap trommelt für die Revolution gegen die Weißen“) bis zu Focus („Der Brutalo-Virus hat inzwischen schwarze wie weiße Teenager infiziert“) wird nicht nur die musikalische Vielfalt der HipHop-Stile übersehen, es werden auch die ausdifferenzierten sozialen Lebenswelten der Afroamerikaner ignoriert.