Von Marion Gräfin Dönhoff

Es gibt viele Bücher über Ostpreußen: Erinnerungen, historische Betrachtungen und wieder Erinnerungen – keines aber gleicht dem einzigartigen Buch, das Ralph Giordano geschrieben hat.

Der in Hamburg geborene Autor beschreibt seine Lebenssituation gegen Ende des „Dritten Reichs“ mit dem Satz: „Es war ein Wettlauf zwischen der Endlösung der Judenfrage und dem Endsieg der Anti-Hitler-Koalition.“

Wie kommt jemand, der seine jüdische Mutter durch die Nazis verloren hat und der seine Kindheit in der Illegalität zubringen mußte, wie kommt er darauf, vier große Reisen nach Ostpreußen zu unternehmen? Woher die unermüdliche Energie, mit der er das Land kreuz und quer – 12 000 Kilometer zurücklegend – durchforscht, und woher die nie nachlassende Neugier, mit der er ungezählte Gespräche geführt und aufgezeichnet hat?

Gespräche mit den letzten Deutschen, die 1945/46 dageblieben sind, mit neuen deutschen Einwanderern aus Kasachstan und anderen GUS-Staaten, mit zwangsumgesiedelten Russen, Ukrainern, Polen und auch mit Touristen aus Deutschland. Gespräche, die er mit Anteilnahme, Neugier und großer Akribie aufgezeichnet hat.

Die Antwort auf diese Fragen: Seine Sehnsucht geht zurück auf ein großformatiges Photo der masurischen Seen und Wälder, das seine Phantasie als Knabe beflügelte und das seine Jugend begleitet hat. Am Anfang also stand ein Bild, das dann schließlich dem Siebzigjährigen zum Kompaß geworden ist. Er hat mehr von Ostpreußen gesehen – von beiden Teilen, dem polnischen und dem russischen – als irgendeiner, der diese Region heute bereist. Wahrscheinlich auch mehr, als wir von diesem Land kannten, die wir dort gelebt haben und es unsere Heimat nannten.

An einem der ersten Tage gerät Giordano in Allenstein in eine Versammlung von Leuten, die einen Dachverband West- und Ostpreußen gründen wollen: viel Befremdliches, auch manches ihm nicht Sympathische. Giordano berichtet, was ihm erzählt wurde: russische Greuel, polnische Schandtaten – die deutschen bleiben meist ausgeblendet: