Von Fredy Gsteiger

Sie tragen blaue Mützen mit dem Firmenlogo eines Elektronikkonzerns und sind mit dem TGV aus Lille nach Paris gekommen. Sie sind noch ganz begeistert von der rasanten Fahrt, wenngleich einer von ihnen anmerkt, sein Vater flitze mit seinem neuen Citroën „mindestens so schnell“.

Sie zappeln in Vorfreude, die zwölfjährigen Knirpse, die hinter ihrem Lehrer aus der Metro stürmen. Denn das Ziel ihrer Schulreise ist die Cité des Sciences, dieser riesige Glas-und-Stahl-Tempel im Parc de la Villette im Nordwesten von Paris, eines der so genannten „Großen Projekte“ der Republik. Einige unter den Dreikäsehochs waren schon früher da, mit ihren Eltern. Was sie ihren staunenden Klassenkameraden davon berichten, sorgt bei diesen für höchst gespannte Erwartung.

Sie wird nicht enttäuscht werden. Im Verlaufe des Tages begegnet der Reporter der Klasse noch mehrmals: wenn sie in einem nachgebildeten Airbus-Cockpit sitzen; wenn sie auf einem Computerbildschirm den Werdegang eines neuen Menschleins beobachten und steuern; wenn sie im „Géode“ staunend auf die tausend Quadratmeter große und damit größte Kinoleinwand der Erde starren. Strahlend die Gesichter, rot die Ohren, glänzend die Augen. Am späten Nachmittag dann sitzen sie müde in der Cafeteria vor einer Limonade, erfüllt von ihren Eindrücken – und auch ein bißchen erschlagen davon, aber: dem Fortschritt einen Schritt näher.

Wenn Frankreich die Moderne in Szene setzt, dann wird geklotzt und nicht gekleckert. Die Cité des Sciences, die „Stadt der Wissenschaften“, ist ein treffliches Beispiel dafür. Gerade weil Frankreich in weiten Teilen noch sehr ländlich geprägt ist, weil es nur halb so dicht besiedelt ist wie Deutschland, werden Fortschritt und Technologie noch bewundert, mutmaßt ein Wissenschaftler. Ja, die Furcht davor, technologisch ins Abseits zu geraten, stand der Cité des Sciences in den siebziger Jahren Pate. Hier, wo früher die Schlachthäuser der Metropole standen und hektoliterweise Blut floß, fließen heute elektrische Ströme, und versorgt wird nicht länger der Magen, sondern der Geist.

1986, just in der symbolträchtigen Nacht, als der Halleykomet am Himmel über Paris zu sehen war, hat Präsident François Mitterrand die Cité des Sciences eingeweiht, der Welt größten Basar des Fortschritts, der „Vulgarisierung der Wissenschaft“. Darauf ist man mächtig stolz; von „unzulässiger Vereinfachung“ – dies eigentlich der Sinn des Begriffs – ist freilich keine Rede, im Gegenteil: Man spricht stolz von „notwendiger Vereinfachung“. Auch französische Wissenschaftler empfinden manches freilich als allzu „vulgär“, ja als Karikatur der Wissenschaft. Aber, tönt es in der Villette, „für sie ist die Cité ja auch nicht gedacht“.

Einer der geistigen Väter des Großprojekts ist Joel de Rosnay, der sich selber als „Futurologen“ sieht. Ein Mann, der immer in Eile ist, der dauernd Neues plant, der sein „Museum“ fortwährend umbauen möchte ... und umbauen kann. „Wir können hier keine zwei- oder dreijährigen Computer zeigen; die neuesten Modelle müssen her.“ Das ist möglich dank enger Kontakte zu großen Konzernen, von der Pharma- bis zur Weltraumindustrie. Auch zu deutschen Firmen, zu Daimler-Benz und Siemens. Sie stehen alle als Sponsoren und Produktlieferanten bei Fuß – und sorgen damit dafür, daß der Grundton der Cité ein positiver ist. Nicht so aufdringlich wie in den Vereinigten Staaten, aber wohl mindestens ebenso wirksam ist ihre finanzielle Großzügigkeit. „Wir beraten sie“, berichtet einer aus dem tausendköpfigen Team der Cité ohne falsche Hemmungen, „wie sie mit ihren Anliegen am besten ans Publikum gelangen.“ Verketzerung der Zukunftsgläubigkeit steht hier jedenfalls nicht im Programm. Erlaubt und erwünscht ist, in neugestalteten Ausstellungen zu Themen wie Lärm oder Verpackung, allenfalls manierliche Kritik. Und wenn es um Remedur geht, ist nicht von Umkehr und Abkehr die Rede, sondern von mehr Fortschritt, von „besserem Fortschritt“.