Haiti, der Westteil der Insel Hispaniola, ist die Zweitälteste Republik der Neuen Welt und zugleich das Armenhaus Amerikas, mit der größten Analphabetenrate, der höchsten Kindersterblichkeit und der niedrigsten Lebenserwartung des Kontinents.

Das war nicht immer so. Als Kolumbus am Nikolaustag 1492 an der Nordwestküste Haitis landete, das er Hispaniola nannte, glaubte er, das Paradies auf Erden gefunden zu haben: Bäume voller Früchte, Vogelgesang und ewiger Frühling; Menschen, die zwar Gold, aber kein Eisen kannten und nackt herumliefen wie Adam und Eva vor dem Sündenfall. Dreißig Jahre nach seiner Entdeckung durch christliche Seefahrer war das Paradies zur Hölle geworden: Die friedlichen Arrawak- und Taino-Indianer, die anfangs die Spanier gastfreundlich aufnahmen, schufteten sich in Gold- und Silberminen zu Tode oder wurden mit Feuer und Schwert ausgerottet.

Die Konquistadoren zogen weiter nach Mexiko und Peru, und Hispaniola verödete, bis sich französische Seeräuber, Bukaniere genannt, an der Küste niederließen, um den Schiffen der spanischen Silberflotte bei deren Durchfahrt durch die Windward-Passage aufzulauern; 1697 trat Spanien im Frieden von Ryswijk den Westteil von Hispaniola an Frankreich ab. Schon 180 Jahre zuvor hatte Karl V. auf Betreiben des Dominikanermönchs Las Casas, des Fürsprechers der Indios, die Einfuhr von Negersklaven in die Kolonien genehmigt; damit begann ein neuer Genozid, dessen Ausmaß den Völkermord an den Ureinwohnern noch übertraf.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurden pro Jahr circa 30 000 Sklaven von Westafrika nach Haiti verschleppt, von denen etwa ein Drittel während oder kurz nach der Überfahrt verstarb. Durch ihre Arbeit avancierte Saint-Domingue, wie der Westteil von Hispaniola auf französisch hieß, zur reichsten Kolonie Frankreichs, die, mit modernsten Methoden bewirtschaftet, halb Europa mit Zucker und Kaffee versorgte. 1789 lebten 450 000 Sklaven in der Kolonie, die von 40 000 Weißen und 30 000 freien Farbigen in Schach gehalten wurden. Am 14. August 1791 versammelten sich aufständische Sklaven in Bois Caiman zu einer geheimen Voodoo-Zeremonie und schworen, „die Weißen zu vernichten und alles, was sie besitzen“. Am nächsten Morgen standen Hunderte von Zuckerrohrplantagen in Flammen, deren Rauch tagelang die Sonne verdunkelte.

„Mögen die Kolonien doch untergehen, wenn ihr Erhalt uns unsere Freiheit kostet“, rief Robespierre in der Nationalversammlung, deren Abgeordnete, als sie die Menschenrechte proklamierten, die Sklavenfrage schlicht vergessen hatten. Zwei Jahre später erklärte der Nationalkonvent die Sklaverei für abgeschafft, nachdem der Anführer der Sklavenrevolte, Toussaint Louverture, die Feinde der Republik, Engländer und Spanier, aus der Kolonie vertrieben hatte. Er wurde dafür zum Brigadegeneral befördert. Napoleon, dessen aus Martinique stammende Frau auf die Wiederherstellung des Kolonialregimes drängte, schickte eine Kriegsflotte nach Saint-Domingue mit dem Auftrag, die Sklaverei wieder einzuführen. Von 40 000 Soldaten der Grande Armee kehrten nur die wenigsten lebend nach Frankreich zurück; sie wurden von den Rebellen massakriert oder fielen dem gelben Fieber zum Opfer. Obwohl ihr Anführer Toussaint Louverture durch Verrat in Gefangenschaft geriet – er starb in Festungshaft im französischen Jura verkündeten seine Nachfolger Dessalines und Christophe am 1. Januar 1804 die Unabhängigkeit der früheren Kolonie, die auf ihren alten indianischen Namen „Ayti“ (Felseninsel) getauft wurde.

Seitdem ist die Geschichte Haitis eine fast ununterbrochene Kette blutiger Militärputsche und Massaker: angefangen bei der von Dessalines angeordneten Ermordung aller im Lande verbliebenen Franzosen bis hin zum Niedermetzeln von 17 000 haitianischen Gastarbeitern 1937 in der Dominikanischen Republik.

1915 landeten US-Marines in Port-au-Prince, wo kurz zuvor der Regierungspalast in die Luft gesprengt und der Präsident massakriert worden war, unter dem Vorwand, das Chaos zu beenden. In Wahrheit ging es den USA um die Zurückdrängung des deutschen Einflusses, der auf Haiti, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, übermächtig geworden war: Deutsche Kaufleute hatten in führende Familien der Mulattenbourgeoisie eingeheiratet, kontrollierten den Außenhandel und manipulierten die Innenpolitik des damals schon korrupten Staats. Bewaffnete Bauern, „Cacos“ genannt, lieferten den amerikanischen Besatzern einen erbitterten Guerillakrieg, der mehr als 10 000 Haitianer, aber nur etwa 100 US-Marines das Leben kostete. Als sie 1934 abzogen, hinterließen sie ein – gedemütigtes Volk, das sich auf die afroamerikanischen Wurzeln seiner nationalen Identität besann.