Von Katharina Mahrenholtz

Auf dem Gelände der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) in Braunschweig befindet sich seit kurzem ein besonders gut bewachtes Feld. So weit das Auge reicht, sprießt hier allerdings nur knöchelhohes Unkraut. Doch inmitten des weitläufigen Gebietes beugen sich einige Wissenschaftler interessiert über einen kleinen Flecken freigelegter Erde. In einer Reihe sind zwanzig Kreise erkennbar, ein jeder von etwa dreißig Zentimeter Durchmesser und eingefaßt von einem Metallrahmen. Diese unscheinbare Konstruktion bildet das Kernstück des bundesweit ersten Freisetzungsversuchs gentechnisch veränderter Bakterienstämme. Das Experiment wurde in der vergangenen Woche vom Robert-Koch-Institut genehmigt, das seit der Auflösung des Bundesgesundheitsamtes die zuständige Behörde ist.

„Es ist ein Feuerwehrexperiment“, erklärt der Koordinator, Professor Alfred Pühler von der Universität Bielefeld. „Wir holen nach, was andere versäumt haben.“ In vielen Ländern werden immer mehr genmanipulierte Organismen freigesetzt, ohne vorher deren Auswirkung auf die Natur zu untersuchen. Um einen sicheren Umgang mit genetisch veränderten Bakterien im Bereich der Landwirtschaft zu gewährleisten, seien nun wissenschaftlich fundierte Daten dringend erforderlich. Nur so ließen sich manche Risiken besser bewerten und zuverlässigere Prüfverfahren für weitere Freisetzungsanträge entwickeln.

Deshalb fördert auch das Bundesministerium für Forschung und Technologie ein Verbundprojekt speziell zur Sicherheitsforschung. Beteiligt sind die Universität Bielefeld, die FAL in Braunschweig, die Universität Nümberg-Erlangen und die Fachgruppe Biologische Sicherheit des Tüv in Freiburg. Als erstes wollen sie einen genetisch veränderten Bakterienstamm der Art Rhizobium meliloti im Freiland studieren. Die Rhizobien leben in Symbiose mit Hülsenfrüchten wie Erbsen, Bohnen, Linsen oder Luzernen. In deren Wurzelknöllchen können sie den Stickstoff aus der Luft fixieren. Damit verhelfen sie ihrer Wirtspflanze zu einem besseren Wachstum durch eine natürliche Stickstoffdüngung.

„Rhizobium meliloti wird schon seit hundert Jahren in der Landwirtschaft eingesetzt. Bisher sind noch keine negativen Auswirkungen dieser biologischen Düngung bekanntgeworden.“ So begründet Christoph Tebbe von der FAL die Wahl dieses Bakterienstammes für einen Genversuch im Freiland. Die vorgenommene genetische Veränderung diente dem Zweck des Versuchs. Um die Bakterien besser beobachtbar zu machen, wurden sie mit einer genetischen Markierung versehen. Dazu bauten die Wissenschaftler das Luziferase-Gen des Glühwürmchens in das Rhizobium-Erbgut ein. Dieses sogenannte luc-Gen bildet das Luziferase-Enzym, das zusammen mit dem Wirkstoff Luziferin den berühmten Leuchteffekt bei Glühwürmchen bewirkt. Die Rhizobien allerdings leuchten erst im Labor, wenn ihnen Luziferin zugeführt wurde.

Dieser Genversuch bringt keinerlei wirtschaftlichen Nutzen, die Leuchtmarkierung erlaubt es den Forschern lediglich, die Bakterien zu identifizieren. So kann man bei der Freisetzung kontrollieren, wie weit und wie schnell sich die veränderten Rhizobien verbreiten, wie lange sie überleben und ob ein Gentransfer auf andere Bodenorganismen stattfindet. Da die Auswirkungen einer derartigen Übertragung veränderter DNA noch nicht erforscht sind, bildet die Möglichkeit des Gentransfers einen Hauptkritikpunkt der Gegner des Freisetzungsversuchs. „So werden die Risiken geschaffen, deren Gefahrenpotential erforscht werden soll“, moniert Manuel Kiper vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

„Die Möglichkeit eines Gentransfers ist äußerst gering“, erklärt dagegen Christoph Tebbe, der gemeinsam mit Matthias Keller von der Universität Bielefeld das Freisetzungsprojekt leitet, „da das luc-Gen nicht im Plasmid, sondern im kaum übertragbaren Chromosom angebracht ist.“ Plasmide sind kleinere, meist ringförmige Gebilde aus Erbgut in Bakterien, die sich leicht in andere Zellen einschleusen lassen und in der Gentechnik daher oft als Fähren zum Einschmuggeln fremder DNA benutzt werden. „Es wäre sehr interessant gewesen, einen Gentransfer zu beobachten“, betont Tebbe, „daher haben wir eine Anbringung des Gens im Plasmid durchaus überlegt.“ Schließlich aber haben sich die Forscher dagegen entschieden, um mit einem möglichst risikoarmen Modellorganismus hantieren zu können. Hier wendet der BUND ein, daß auf diese Weise der Versuch für eine generelle Sicherheitsforschung ungeeignet sei, da diese auch den schlimmsten Fall des unerwünschten Transfers berücksichtigen müsse. Ferner könnten eventuelle, sehr seltene Gentransfers nicht bemerkt werden, weil sie unter der Nachweisgrenze lägen. Aus diesen und anderen Gründen hat der BUND Einwendung gegen den Freisetzungsversuch in Braunschweig erhoben. Insgesamt gibt es etwa 700 Einsprüche, relativ wenig, verglichen mit einem Freisetzungsversuch von genetisch verändertem Mais in Olching, gegen den es es mehrere tausend Einwendungen gab.