Es kommt immer wieder vor, daß die Begegnung zweier Menschen zu einer Situation führt, die wir uns in den vergangenen Jahren angewöhnen mußten, als „den Austausch von Körpersäften“ beschrieben zu finden. Das war wohlmeinend doktoral gemeint und doch nicht immer erfolgreich. Unverbesserliche schlossen die Augen und gaben sich verschiedenen Tätigkeiten hin, die sie ihrerseits als Küssen bezeichnen oder neckisch Vögeln nennen, kurz: der Liebe. Ein schwieriges, man könnte sagen, ein großes Thema, das ein weites Feld läßt für unerbittliche Gefechte nach den Regeln der philosophischen Kunst oder auch für die zaghafte Annäherung. Ein britisches Thema, wie nicht überraschend ein neues Buch aus England zeigt. Ein „Versuch über die Liebe“ von Alain de Botton streift sportlich die Höhen des dekonstruktiven Diskurses, ohne den Absturz ins Banale zu fürchten: Mann trifft Frau. Der Rest ist Staunen.

Eine blaue Bluse, eine graue Strickjacke. Die Gesichtszüge nicht ganz regelmäßig, zwischen den Zähnen eine Lücke. Wer in Paris eine Boeing 767 der Britisch Airways besteigen würde, auf dem Weg nach London und auf der Suche nach der Liebe, er würde das Objekt seiner Träume vermutlich anders vorzufinden hoffen. Der Held macht sich gerade gar keine Hoffnung auf ein Abenteuer. Und trifft dann sie. Chloe. Liebe, sofort.

„Die Liebe empfand ich sehr plötzlich“, schreibt de Botton, „kurz nachdem Chloe etwas zu erzählen angefangen hatte, das eine sehr lange und sehr langweilige Geschichte zu werden versprach.“ Was macht das? Nichts! Es dauert nur einen Lidschlag, und die beiden Passagiere befinden sich in einem erstaunlichen Prozeß der Verwandlung, der ihr graues Alltagsselbst zu jenem Traumwesen transformieren soll, das dem anderen dann als Liebesobjekt dargeboten wird. Alles wird gut. Die Welt ist schön. Ein Wunder: „Sie vervollständigte nicht nur meine Sätze, sie vervollkommnete mein Leben“, jubelt der junge Mann.

Er ist Architekt, sie ist Graphikerin. Er räsonniert so leichtfüßig über Gefühle, wie wir es von einem Helden erwarten, dem ein in Cambridge erzogener Autor die Gedanken führt. Sie ist ein wenig schusselig. Das Bett steht in Islington. Alles könnte so schön sein. Daß es nicht so enden kann, verrät auf diskrete Weise, daß auch der bestaussehende Autor mit Anfang Dreißig schon die eine oder andere Erfahrung gesammelt hat. Irgendwie auch ein tröstlicher Eindruck. Wir versuchten, mit – dem Autor einige offene Fragen zu klären.

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DIE ZEIT: Ihr Buch „Versuch über die Liebe“ stellt Sie als Experten auf das Feld der Leidenschaft. Ist Ihr Talent angeboren – oder haben Sie auch als Dilettant begonnen?

Alain de Botton: Ich weiß nicht. Ich vermute...