Von Ralf Neubauer

Zu DDR-Zeiten war Dahlewitz ein typisches märkisches Straßendorf wie tausend andere auch. Obwohl die Millionenmetropole Berlin nur wenige Kilometer entfernt liegt, war das Leben der knapp 1700 Einwohner eher beschaulich. Der Eiserne Vorhang schränkte nicht nur die Bewegungsfreiheit ein, er schützte auch vor großstädtischer Hektik. Die Versorgung der Bevölkerung war dennoch leidlich gesichert. Zwei Konsum-Läden, zwei Gaststätten und zwei Friseure machten den Alltag erträglich.

Inzwischen ist es mit der Idylle in Dahlewitz vorbei. Nach dem Fall der Grenze verlor das Dorf unversehens seine Abgeschiedenheit. Unablässig wälzen sich heute Lastkraftwagen über die Bundesstraße 96, die Dahlewitz in zwei Hälften teilt und zur Autobahnauffahrt am Ortsausgang führt. Längst nicht alle Brummis passieren die Gemeinde nur im Transitverkehr. Immer häufiger biegt die Karawane in den Eschenweg ab, wo das Industrie- und Gewerbegebiet von Dahlewitz liegt. Und dort findet er tatsächlich statt: der Aufschwung Ost.

Fritz Lenk, stellvertretender Bürgermeister von der PDS, sagt, als wäre dies alles selbstverständlich: „Wir konnten uns die Investoren aussuchen.“ Das Ergebnis ist beeindruckend. Während in vielen anderen ostdeutschen Gewerbegebieten Autohäuser, Möbelmärkte und Lebensmitteldiscounter das Bild prägen, stammen die 28 Unternehmen, die sich in Dahlewitz ansiedelten, fast ausschließlich aus Industrie und Handwerk. Aushängeschild ist ein bayerisch-britisches Gemeinschaftsunternehmen: die BMW Rolls-Royce Aero Engines GmbH. Von 1996 an will das Joint-venture in Dahlewitz Flugzeugtriebwerke produzieren. Gut 1200 Mitarbeiter sollen einen Jahresumsatz von einer Milliarde Mark erwirtschaften. Schon heute beschäftigt BMW Rolls-Royce in Dahlewitz fast 500 Arbeitnehmer – überwiegend hochqualifizierte Entwicklungsingenieure.

Gleich neben der High-Tech-Schmiede hat sich die Firma Dassbach, ein Hersteller von Einbauküchen aus Berlin-Tempelhof, niedergelassen. Eine Druckerei, ein Fensterproduzent, ein Hersteller von Geldzählautomaten, eine Lampenfabrik – auf dem Dahlewitzer Gewerbegebiet sind die unterschiedlichsten Branchen vertreten. Insgesamt, so rechnet PDS-Kommunalpolitiker Lenk vor, wollen die 28 Unternehmen etwa 700 Millionen Mark investieren und rund 4500 Arbeitsplätze schaffen.

Dahlewitz ist im südlichen brandenburgischen Umland von Berlin zweifellos die Vorzeigegemeinde schlechthin, aber beileibe kein Einzelfall. Den sogenannten Speckgürtel um die Bundeshauptstadt gibt es tatsächlich. Das belegen auch die Zahlen von FDP-Wirtschaftsminister Walter Hirche. Obwohl in diesem Gebiet nur etwa ein Drittel der insgesamt gut 2,5 Millionen Einwohner Brandenburgs leben, liegen die Umlandgemeinden in der Investorengunst eindeutig vorn. Bis Anfang 1993 hatten in Brandenburg Neuansiedler oder Käufer von Treuhand-Betrieben Investitionen von rund 32 Milliarden Mark zugesagt. Etwa 56 Prozent davon entfielen auf die Randgebiete der Bundeshauptstadt. Das Ergebnis deckt sich mit den Erfahrungen der Wirtschaftsförderung Brandenburg (WFB): Knapp 58 Prozent der Investitionen, die die WFB im vergangenen Jahr anstieß, konzentrierten sich aufs Umland.

Nach Erkenntnissen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist der Gürtel um Berlin damit die „dynamischste Region“ in ganz Ostdeutschland, deren Aufschwung bereits „zahlreiche selbsttragende Elemente“ aufweist. Jährliche Wachstumsraten von fünfzehn Prozent seien hier in Zukunft keine Illusion.