FRANKFURT/MAIN. – Genau ein Wochenende lang hatte der Beschluß Bestand: Den Frankfurter Brunnen sollte das Wasser abgedreht werden. Ein Sachbearbeiter im Kulturamt wollte auf diese Weise seinen Beitrag zur Sanierung der städtischen Finanzen leisten, denn für die Wartung der Brunnen ist kein Geld mehr da. Doch im Wahljahr 94 war die Sache den Stadtoberen zu heiß. Oberbürgermeister Andreas von Schoeler meldete sich aus seinem Urlaubsdomizil auf der Insel Elba. „Ein Brunnen ohne Wasser ist kein Brunnen“, beruhigte er die verunsicherten Bürger. Die Sparmaßnahme fiel ins Wasser. Frankfurts Brunnen plätschern weiter, vorerst.

Die Finanzknappheit zwingt Frankfurt zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Ausgerechnet zum 1200jährigen Stadtjubiläum müssen viele Gäste bei Empfängen im Römer ihr Festessen selber zahlen. Denn die Mainmetropole steckt tiefer in den roten Zahlen als alle anderen deutschen Städte. Auf jeden Einwohner kommen 12 460 Mark Schulden, weil der Magistrat in besseren Zeiten stets ein bißchen mehr ausgegeben als er eingenommen hatte. Nun muß er ausgerechnet in Notzeiten sparen. Für über 630 Millionen Mark wird städtisches Vermögen verkauft. Denn ein Schuldenberg von 8,3 Milliarden Mark will abgebaut sein oder soll zumindest nicht weiter wachsen. Als die Einnahmen aus der Gewerbesteuer niedriger ausfielen als erwartet, zog der Innenminister die Notbremse. Er verlangte, daß die Stadt die nicht fest vorgegebenen Ausgaben des laufenden Jahres um zehn Prozent kürzte. Der grüne Kämmerer Tom Koenigs mußte seinen knapp kalkulierten Etat noch einmal um vierzig Millionen Mark zusammenstreichen – und hat ihn für das kommende Jahr gleich um achtzig Millionen Mark niedriger angesetzt.

Was das bedeutet, bekommen alle Frankfurter schon jetzt zu spüren. Schlaglöcher in den Straßen werden nicht mehr ausgebessert, Gebäude nur noch bei Gefahr in Verzug saniert. Eine baufällige Brücke mit mehreren Autospuren bekam einen Schwingungsmesser eingebaut, der mit einem Telephon verbunden ist. Wenn es in der Behörde klingelt, droht die Brücke einzustürzen und muß gesperrt werden. Hunderte von Ampeln im Stadtgebiet werden langfristig abgebaut, weil es zu teuer geworden ist, sie zu warten. Auf Friedhöfen wird Grünzeug nicht länger kompostiert. Das zum Sparen gezwungene Gartenamt häckselt an Ort und Stelle – und ruft die Bürger zu Parkputzaktionen auf. Handschuhe, Säcke und Abfuhrservice stellt die Behörde. Der Weg aus den roten Zahlen ist mit dornigen Rosen gepflastert. Sie wachsen nun ganzjährig in städtischen Blumenkübeln. Wechselnde Bepflanzung mit Tulpen und Narzissen im Frühjahr und Tausendschön und Goldlack im Herbst ist zu teuer.

Mit Spargrün läßt sich leben. Doch mit anderen Maßnahmen ist der Magistrat bei seinen Bürgern angeeckt. Zum Beispiel hat er die Gebühren bei Beerdigungen erhöht. Das Schälchen Erde für den letzten Gruß kostet seit Jahresbeginn zwanzig Mark extra. Prompt protestierte ein katholischer Geistlicher gegen die pietätlose Gebühr und kündigte an, er werde künftig Sand oder Kies „von außerhalb im eigenen Behältnis“ zum Begräbnis mitbringen. Die Stadt sah den Fauxpas ein. Sie will demnächst eine neue Friedhofsgebührenordnung beschließen und den umstrittenen Passus streichen. Bis dahin einigte man sich auf ein pragmatisches Vorgehen: Eine Schale mit Erde darf auch ohne Extragebühr neben dem Grab bereitstehen.

Ein richtiger Volksaufstand entzündete sich an der erhöhten Pacht für Kleingärtner. 20 000 Frankfurter buddeln und ackern auf städtischem Gartenland. Mit Familien ergibt das ein beachtliches Wählerpotential von 100 000 Gartenfreunden. Sie mußten bislang lächerliche zwölf Pfennig Pacht je Quadratmeter zahlen, das deckte nicht einmal die Verwaltungskosten. Deshalb wurde die Pacht kräftig angehoben, auf bis zu eine Mark. Doch als der höhere Betrag erstmals von 4000 Kleingärtnern verlangt wurde, zahlten 3000 nur unter Protest. Ein heilloses Durcheinander begann. Am Ende gab die Behörde nach und verschob die Einführung der neuen Pacht auf den November. Das bereits zusätzlich eingenommene Geld wird in einer umständlichen Prozedur zurückerstattet.

Auch bei Eintrittspreisen machte die Stadt die Rechnung ohne ihre Bürger. Die müssen neuerdings zahlen, wenn sie ein Museum besuchen wollen, während das früher nichts kostete. Ein Nachmittag im Zoo, im Palmengarten oder im städtischen Rebstockbad hatte auch bislang schon seinen Preis, ist aber zum Jahresbeginn noch teurer geworden. Ein Erwachsener zahlt zum Beispiel für eine Zoovisite 11 Mark statt 9,50 Mark. Der Erfolg: Alle Einrichtungen klagen über Besucherrückgang. In den Zoo zum Beispiel kamen im ersten Halbjahr 40 000 Tierfreunde weniger als im Vorjahr. Nun denkt die SPD im Römer darüber nach, die Eintrittspreise wieder zu senken. Die Grünen wollen wenigstens den Familien günstigere Angebote machen.

Kein Pardon gibt es dagegen für die Frankfurter Sportvereine. Weil Geld und Personal fehlen, kann die Stadt 20 ihrer 55 Sportanlagen nicht mehr betreuen. Nun sollen die Vereine selber ihre Tornetze aufbauen, Umkleidekabinen reinigen, Spielfelder markieren und Rasen mähen. Dafür will die Stadt ihnen ein kleines Entgelt zahlen. In einem offenen Brief beschwerte sich ein Verein aus dem Frankfurter Westend über die „schlimmen Zustände auf unserer Sportanlage“. Das Gras wachse „meterhoch auf der Laufbahn“. SPD-Fraktionschef Günter Dürr konterte mit dem Vorwurf „reine Verweigerungshaltung“. Die Stadt will hart bleiben. Bis zum Spätherbst sollen Verträge mit zwanzig Vereinen geschlossen sein.