Meine eigentlichen Jahre mit Kohl beginnen ja relativ spät. Man kann sie insgesamt einteilen in solche ante und solche post, also vor und nach der Wende. Da stieg der Kanzler aus dem Fernseher: so groß hatten wir ihn uns gar nicht vorgestellt. Denn ante, als meine Familie und ich noch hinter der Mauer wohnten, hatte unser Schwarzweißfernseher des Kanzlers Maße aufs Erträgliche reduziert. Und als die DDR immer mehr die Treppe zum Weltniveau hinaufstieg, kauften auch wir uns einen Farbfernseher. Pal oder Secam, wir konnten die Farben mischen, wie wir wollten, Kohl blieb grau, nicht die Bohne karikierbar wie weiland Strauß und Adenauer, und auch nicht so lustig wie der sächsische Bauchredner Ulbricht, als er nicht daran dachte, eine Mauer zu errichten. Das besorgte für ihn der Dialektiker Honecker.

Dialektiker sind nie witzig, und in diesem Punkt gab es gewisse Ähnlichkeiten zwischen dem Pfälzer und dem Saarländer. Was zu lachen gab es, für die Kinder zumal, wenn Honecker in Begleitung von Kohl auf dem Bonner roten Teppich spazierenging. Da war ja klar, welcher von beiden der große Bruder sein mußte. Dem hätte höchstens ein Schalck-Golodkowski die Anzüge leihen können. Doch blieb der noch versteckt hinter der verspiegelten Sonnenbrille, die ihm vielleicht sein Spezi Strauß für einen besonders guten deutsch-deutschen Witz geschenkt hatte.

Ich weiß nicht, ob er damals schon aufkam, dieser Wind, der um den stets eiligen Bundeskanzler weht. Von wegen aussitzen. Das halte ich für ein Gerücht. Man beobachte einmal, wie der Kanzler ausländische Würdenträger an der Ehrenformation vorbeijagt. BIRNE KANN ALLES: sagten damals die Kinder, die ihren dank väterlicher Dienstreisen eingeschmuggelten Günter Herburger lasen. HELMUT IN DER STADT! riefen sie ins Fernsehbild und wenig später: BIRNE BRENNT DURCH. Wohin – wohin rannte er denn?

Später wurde allen klar, daß er dem Wind der Geschichte vorausrannte, in dieser pfälzisch-neckischen Art, die einen Saumagenesser zuweilen ankommt. Keine Frage, er wollte als erster mit Bauch und Kopf durch die Mauer, hin zu einer Umarmung mit unserem Lothar de Maizière. Auch der war auf dem roten Teppich unseres Farbfernsehers nicht größer als Honecker, und hast du nicht gesehen, waren beide weg, der Erich und der Lothar. Wie einverleibt, sagten wir uns. Und vermutlich bekam Kohls Bonner Schneider abermals Arbeit, falls es nicht Hannelore ist, die ihrem Helmut, aus Anlaß historischer Ereignisse, die Knöpfe versetzt.

Nun sind wir schon bei p.w. (nach der Wende), und Kohl ist samt Wind längst über die Bühne gegangen, wenn auch nicht über den Jordan. Und je mehr wir, die Sachsen am lautesten und wir Brandenburger nicht ganz so laut, riefen: Helmut, here we come! – desto eiliger schien es der Mann zu haben. Jetzt brauchte er wohl keinen Schneider mehr zu bemühen, denn längst hatte ihm der Schneider himmlischer Gewänder von oben den Mantel der Geschichte umgelegt. Derart gemantelt flog er vom Reichstag, bevor Christo ihn versehentlich mitverpackte – und so flog er über die östlichen Lande. Doch als er aufsetzte, o Graus, dieses Wettrennen in Halle sah ganz nach Flucht aus. Ach und da flogen sie schon, die guten ostdeutschen Eier, von befreiten Hühnern gelegt, grob angefaßt und geworfen.

Wenn es wenigstens Havelländer Birnen gewesen wären, aber in Stilfragen waren wir ans Vaterland, ans teure, angeschlossenen Erbauer des realen Sozialismus nie sehr firm gewesen. Seitdem fährt der Kanzler lieber inkognito unter einem Blauhelm ins Ausland.

Neulich kam ich in die Verlegenheit, einen Fernsehfilm zu entwerfen. Zu Beginn lasse ich die Kamera in den Treptower Park zum sowjetischen Ehrenmal fahren. Und weil der Produzent ein Horrorszenarium bestellt hat, steht da auf dem Sockel nicht mehr der Soldat im Mantel, das Schwert gesenkt, das Kind auf dem Arm. Wahrlich, es ist Helmut Kohl, der da oben steht, der Stein gewordene Mantel der Geschichte umhüllt ihn, das Schwert greift die Faust, und auf dem Arm trägt er – ja wen? Das will ich erst am Schluß des Films enthüllen.