Anfang Juli 1994 machten sich nachts zwei Gestalten in einem Hamburger Wohngebiet an einem abgestellten Mercedes zu schaffen. Die beiden Männer spähten nervös nach allen Seiten, versteckten sich zwischendurch in den Büschen am Straßenrand und schraubten dann wieder am Türschloß herum. Ergebnislos. Die unbeholfenen Diebe fielen einem Anwohner auf, der die Polizei alarmierte. Irgendwann, mittlerweile unter den Augen einer Zivilstreife, schmetterte einer der beiden einfach einen Stein in die Beifahrerscheibe. Der andere stieg in den Wagen und baute das Kofferraumschloß von innen aus. Als sie mit ihrem eigenen Auto fortfahren wollten, um in aller Ruhe einen Nachschlüssel herzustellen, wurden beide verhaftet.

Witold B. (38), ein arbeitsloser Lkw-Fahrer aus Polen, ist einer der unglücklichen Autodiebe. Nun steht er allein in Hamburg vor Gericht, denn sein jüngerer Kumpan wurde bereits von einem Jugendgericht verurteilt. Witold B.s Gesicht wirkt abgearbeitet und verschlossen, aber nicht unsympathisch. Er trägt noch die gleiche Kleidung wie in der Nacht seiner Festnahme: eine speckige Jeans und einen wild gezackten Kunststoffpullover aus osteuropäischer Produktion. Freunde und Verwandte, die ihm Wäsche zum Wechseln bringen könnten, hat er in Deutschland nicht.

Nach fast zwei Monaten Untersuchungshaft bewegt sich Witold B. verängstigt und verschüchtert. Dennoch bemüht er sich, die Verhandlung mit Anstand durchzustehen. Zu leugnen gibt es für ihn nicht viel. In seinem Wagen hat die Polizei gefälschte Papiere für den Mercedes gefunden, dazu Schlüsselrohlinge und einen Satz Feilen. „Es war alles, wie es in der Anklage steht“, gibt Witold B. also feierlich zu. So wie er den Fall darstellt, geriet er mehr zufällig in die Sache hinein. Sein Freund Blazek B. (19) habe ihn zu Hause in Breslau besucht und gefragt, ob er mit nach Hamburg kommen wolle, sich die Stadt ansehen, vielleicht ein bißchen Geld verdienen. Da habe er eine Tasche gepackt, und sie seien sofort losgefahren. Erst in Hamburg habe er erfahren, daß sein Freund „eine Bestellung“ erledigen wolle.

Blazek bestätigt die Aussagen des Angeklagten. Er allein habe gewußt, daß sie einen Wagen stehlen sollten, den „armen Witold“ habe er absichtlich im unklaren gelassen. Blazek B. ist ein schmaler, junger Bursche mit langen, verzottelten Haaren und ungesunder Gesichtsfarbe. Nur ungerne sieht er zu Witold B. hinüber, ihn plagt offenbar ein schlechtes Gewissen. Sein Wunsch, einen Moment mit dem Angeklagten zu sprechen und sich bei ihm zu entschuldigen, wird jedoch abgeschlagen.

Die Namen der Hintermänner, die den Wagen ausgespäht, Rohlinge und Papiere besorgt hatten, verrät Witold B. nicht Ob aus Vorsicht – irgendwann muß er ja doch mal wieder nach Polen – oder weil er von all dem gar nichts gewußt habe? Einerlei, an dem fraglichen Abend hat Witold B. „Schmiere“ gestanden und sogar die Seitenscheibe des Mercedes eingeschlagen.

Witold B.s anrührendes Schlußwort, er werde sich, wenn er lediglich eine Strafe zur Bewährung erhielte, in Deutschland bestimmt „anständig“ betragen, „so wie es sich gehöre“, hilft ihm nicht. Obwohl der Angeklagte nicht vorbestraft ist und auch geständig war, Milde wird ihm nicht zuteil. Mit leichter Melancholie in der Stimme verkündet der Richter das Urteil: ein Jahr und drei Monate Haft – keine Bewährung. Witold B. erstarrt. Bei allem Verständnis für Naivität und ungeschickte Vorgehensweise des Angeklagten geböten „höhere“ Gesichtspunkte – die „Verteidigung der Rechtsordnung“ und die „Generalprävention“ – eine strenge Strafe. Strafrecht als Abschreckung, so was hört man selten in den Gerichtssälen, aber der Autoschwund gen Osten nötigt der Justiz diesen Kraftakt ab.

Pech für den Gelegenheitsganoven Witold B. Sein jüngerer Freund hatte mehr Glück, er wurde lediglich zu 16 Tagen Jugendarrest verurteilt. Die Strafe vermochte Blazek B. nicht zu läutern. Wegen Diebstahls sitzt er schon wieder ein.

Gernot Kramper