BAD DÜRRHEIM. – Gaffen, althochdeutsch geffida für Betrachtung, niederdeutsch gapen, den Mund aufsperren, schwedisch gapa, den Rachen aufreißen, gehört zur Wortgruppe von gähnen.

Es war für die meisten ein grausig-schöner Ausflug, an jenem sonnigen Sonntag im September 1992. Von einer Wiese am Waldrand konnten sie mit Ferngläsern die Bergungsarbeiten des entsetzlichen Busunglücks auf dem Autobahnzubringer bei Bad Dürrheim im Schwarzwald genau mitverfolgen. 20 Leichen wurden aufgeladen und 36 Schwerverletzte in Hubschrauber und Sanitätswagen verfrachtet. Ein Eisverkäufer bot den vielen Zuschauern, darunter etliche Familien mit Kindern, Erfrischungen an, denn es war sehr heiß. Noch Tage danach hatten die Zeugen des furchtbaren Geschehens viel vom Unglück anderer Menschen zu erzählen.

Wo immer sich dramatische Szenen öffentlich beobachten lassen, sperren die Gaffer Mund, Augen und Ohren auf. Ob bei Selbstmordversuchen oder Wohnungsbränden – die Katastrophentouristen sind immer schon da. Neu ist jedoch, daß Gaffer nun zum erstenmal für das Zuschauen bezahlen mußten: Mehr als hundert Schaulustige des Bad Dürrheimer Busunfalles erhielten Bußgelder – wegen Falschparkens oder einem Verstoß gegen den Naturschutz. Nun sind die Verfahren abgeschlossen. Fast alle haben nach anfänglichem Protest die 120 Mark an die Staatskasse überwiesen.

Weil es fürs bloße Zuschauen bei Unfällen keinen Verbotsparagraphen gibt, nahm die Polizei in Baden-Württemberg den Umweltschutz und die Verkehrsordnung zu Hilfe. Nur Rheinland-Pfalz droht Neugierigen, die sich nach Aufforderung nicht vom Unfallort entfernen, ein Bußgeld von bis zu 10 000 Mark an, eine Drohung, die allerdings noch nie wahr gemacht wurde.

So bleibt es denn in der Regel bei verbalen Verurteilungen der Voyeure, wenn sie (wie diesen Sommer in Hamburg) einen Selbstmörder mit der Videokamera filmen oder aber mit Schlauchbooten (wie an Weihnachten in Köln) die überschwemmten Wohnungen beäugen. Gaffer, forderte damals der empörte Kölner Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes, sollten künftig zu Hilfsdiensten zwangsverpflichtet werden. Dabei taten die Menschen nichts anderes, als man sie in den privaten Fernsehkanälen („Notruf“, „Retter“) lehrte: den Opfern in die Augen schauen. Um ja auch echte, schreckliche Bilder zu erhalten, verteilte Sat 1 sogar Videokameras an Feuerwehrleute.

Bei der Polizei ist man indes über die Zuschauermentalität der Deutschen beunruhigt. „Die Leute helfen weniger, aber schauen mehr“, hat Knud Eike Buchmann, Dozent für Psychologie an der Fachhochschule der Polizei in Villingen-Schwenningen, festgestellt. Fragen wie „Wer bezahlt mir die blutbefleckten Kleider?“ sind dabei den Umstehenden offenbar wichtiger als die, ob man dem Opfer sinnvoll helfen kann. „Je mehr zuschauen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß jemand hilft“, sagt Buchmann, der in seinen Seminaren oft mit der Wut der Polizeibeamten über die Gaffer konfrontiert wird. Dann versucht Buchmann den Beamten stets das Phänomen der „Ekelgier“ zu erklären: „Die Zuschauer sind angezogen und abgestoßen zugleich.“ In einer erfahrungsarmen Gesellschaft seien Katastrophen eine der wenigen Möglichkeiten, „sich mit Tod und Verletzungen auseinanderzusetzen“.

Darum rät Polizeipsychologe Buchmann den Beamten, Gaffer nicht einfach fortzuschicken, sondern „sinnvoll zu beschäftigen“. So hätten Versuche, „jemanden aus der Menge damit zu beauftragen, Ordnung zu halten“, gut funktioniert.