Von Sabine Etzold

Als Schwammtaucher Anfang dieses Jahrhunderts etwa fünf Kilometer vor der tunesischen Küste bei Mahdia in vierzig Meter Tiefe auf schier im Schlamm versunkene „Kanonenrohre“ stießen, ahnten sie nicht, was sie da gefunden hatten. Sie waren auf das Wrack eines 2000 Jahre zuvor gesunkenen Schiffes gestoßen. Die Schwammtaucher wurden unversehens zu Entdeckern des „bisher größten und wohl faszinierendsten aller antiken Schiffsfunde“, wie die Leiterin des Mahdia-Projektes, Gisela Hellenkemper Salies, urteilt. Was von diesem Fund noch übrig ist, zeigt das Rheinische Landesmuseum in Bonn (vom 8. September bis zum 29. Januar). Dokumentiert wird dort nicht nur die Vielfalt antiker Kunstproduktion aus der Zeit um 100 v. Chr., sondern auch die schwierige, detektivischen Scharfsinn erfordernde Arbeit der Archäologie.

Die vermeintlichen Kanonenrohre entpuppten sich als Marmorsäulen, etwa sechzig an der Zahl. Außerdem fanden sich lebensgroße Marmorskulpturen, Bronzestatuetten, Kapitelle und viele Luxusgüter zur Ausstattung von Häusern: bronzene Prunkbetten, verzierte Kandelaber, Prunkvasen aus Bronze und Marmor – eine Ladung von fast 200 Tonnen. In den Jahren 1908 bis 1913 wurde unter Leitung von Alfred Merlin in der ersten Unterwassergrabung der Geschichte der Archäologie ein Teil der Ladung an Land und in das Bardo-Museum von Tunis gebracht. Dann ruhte der Fund über dreißig Jahre, gelegentlich heimgesucht von Schwammtauchern – es geht das Gerücht, daß sie auf eigene Faust so manches wertvolle Stück mitgehen ließen. Französische Marinetaucher unter der Leitung des Korvettenkapitäns Philippe Tailliez und Mitarbeit von Jacques-Yves Cousteau machten sich 1948 wieder ans Bergungswerk – und empfanden den Anblick der Fundstelle laut Tailliez als „erschütternd“. Ein Chaos aus Schiffstrümmern, Säulenteilen und anderen Fundstücken lag verstreut auf dem Meeresboden. Tailliez ließ einige Säulen, Kapitelle, Amphoren, zwei der insgesamt fünf riesigen Bleianker und eine Handmühle heben – und teilweise verschwinden. „Kapitän Tailliez gab inzwischen zu, was aus den Säulen wurde: Zerschnitten zu dekorativen Marmortischen, fanden sie ihren Platz wohl in den Gärten Toulons“, weiß Gisela Graichen, die für ihre ZDF-Archäologieserie „C14“ dem Wrack nachspürte.

Mitte der fünfziger Jahre machte sich der Ingenieur und Hobbytaucher Guy de Frondeville an die Arbeit. Er barg weitere Funde, unter anderem Teile des inzwischen auseinandergebrochenen Kiels, und wies nach, daß die Säulen nicht an Deck, sondern unten im Schiffsbauch gelegen hatten. Für die Bestimmung des Schiffes war das ein nicht unwesentlicher Nachweis, wie noch gezeigt wird. Wieder verging viel Zeit, ehe Ende der achtziger Jahre das Mahdia-Projekt anlief, in der sich das Rheinische Landesmuseum zusammen mit dem Bardo-Museum des Fundes annahm, ihn barg und restaurierte, um die Arbeit jetzt in der Bonner Sonderausstellung zu präsentieren. Anschließend soll alles zurückgehen nach Tunis.

So turbulent sich die Bergungsgeschichte des Wracks gestaltete, so geheimnisumwittert bleibt seine Herkunft. Das größte Rätsel: Wie konnte ein derart beladenes Schiff, das – so vermutet die gängige Lehrmeinung aufgrund seiner Ladung – etwa um 100 v. Chr. auf dem Weg von Athen nach Rom war, mehr als 500 Kilometer von seinem Kurs abkommen, um dann kurz vor der afrikanischen Küste zu sinken? Denn die Schiffsroute Piräus-Rom sei unstrittig – behauptet jedenfalls ein 1150 Seiten dicker Forschungsbericht, der die von 1988 bis 1994 dauernden Restaurierungsarbeiten durch das Rheinische Landesmuseum zusammenfaßt.

Das Schiff transportierte hauptsächlich neuattische Waren – Luxusgüter, zum Teil neu angefertigt und mit griechischen Seriennummern versehen, für reiche Kundschaft in Italien, besonders in Rom. Nach der Zerstörung Karthagos residierten die römischen Aristokraten nicht mehr in der Provinz Afrika, auch wenn sie dort noch Grundbesitz hatten, sondern in Rom und Kampanien. Und sie bevorzugten für die Ausstattung ihrer Villen offenbar griechisches Design. Athen unterhielt damals eine florierende Kunstproduktion ausschließlich für den römischen Markt. Es wird sogar spekuliert, daß Teile des Fundes aus der Plünderung Athens durch den römischen Feldherrn Lucius Cornelius Sulla im Jahre 86 v. Chr. stammen könnte. Diese Vermutung hat dem Wrack auch den Namen „Plündererschiff von Mahdia“ eingetragen. Trotzdem: Die Tatsache, daß das Schiff über 500 Kilometer von seiner Route abgedriftet sein soll, um dann zu sinken, bleibt ein Rätsel.

Was aber, wenn es gar nicht von Athen nach Rom, sondern auf einer ganz anderen Route unterwegs gewesen wäre? Der Archäologe Heinz Warnecke hat das Wrack aus diesem Blickwinkel neu analysiert. Ausgangspunkt seiner Überlegungen (die demnächst in der Zeitschrift Orbis Terrarum erscheinen) ist nicht die Ladung, sondern der Ort des Schiffsuntergangs. Warnecke behauptet: Ausgangshafen war nicht Piräus, sondern die afrikanische Hafenstadt Thapsos, und Ziel war nicht Rom, sondern Sabrata, eine Hafenstadt an der tripolitanischen Küste. Das Frachtschiff verließ Thapsos mit Südostkurs. Doch war seine schwere Marmorfracht an Bord falsch gelagert, und so erreichte es sein Ziel nicht mehr, sondern sank schon nahe Kap Afrika.