Von Hans Christoph Buch

Anflug auf Port-au-Prince. Kahle Berge, wie zusammengeknülltes Packpapier. Die Maschine ist bis zum letzten Platz ausgebucht: Nur Journalisten, Mitarbeiter humanitärer Organisationen und Haitianer aus der sogenannten Diaspora sind an Bord – mit noch mehr Übergepäck als sonst. Unter uns die Plaine du Cul de Sac: Die fruchtbare Ebene, die in der Kolonialzeit ganz Frankreich mit Zucker versorgte, ist heute staubtrocken. Der Hafen von Port-au-Prince kommt in Sicht, die Elendsviertel La Saline und Cité Soleil, Müllhalden am Meeresufer, auf denen Menschen wie Ameisen herumkrabbeln, braune Abwässer, dann blaues Meer, das in die Schräglage kippt, von Schaumkronen gesprenkelt.

Wir überfliegen ein Korallenriff: Wo früher leuchtend bunte Fische herumschwammen, treiben heute Plastikflaschen im Meer. Dann kommt Fort Dimanche in Sicht, das berüchtigtste Gefängnis der Duvalier-Diktatur, umgeben von Mangrovensümpfen, in denen Tausende von Häftlingen spurlos verschwunden sind. Unter uns jetzt die Rollbahn des Flughafens, neben der zwei Propellermaschinen der haitianischen Luftwaffe vor sich hin rosten, geglückte Landung, Applaus. Am Rand des Flughafens reitet eine Bäuerin auf einem Esel vorbei.

Früher lebte die haitianische Oberschicht – es gibt so gut wie keine Mittelklasse hier, nur Arm und Reich – in selbst für europäische Verhältnisse luxuriöser Extravaganz. Jetzt reise ich nach Haiti, bepackt mit Geschenken. Plastiktüten voll Käse, Salami und Schokolade, dazu T-Shirts und Jeans. Bis vor kurzem wurden solche Baumwolltextilien in Haiti hergestellt, aber als Folge des Embargos haben die Fabriken zugemacht oder ihre Produktion in die Dominikanische Republik verlagert. Die Arbeitslosigkeit liegt bei achtzig Prozent.

Die Hauptsorge der mit mir eingeflogenen Journalisten ist: Wie kommen wir hier wieder heraus? Das letzte Flugzeug hat Port-au-Prince inzwischen verlassen, Haiti ist von der Außenwelt abgeschnitten. Die Grenze zur Dominikanischen Republik ist geschlossen und darf nur mit Sondergenehmigung der Armee und Regierung (in Haiti ein und dasselbe) überschritten werden.

Port-au-Prince. Gespannte Stille liegt über der Stadt, als könne jeden Augenblick eine Bombe explodieren. Das Stadtzentrum ist wie ausgestorben, auf den Hauptgeschäftsstraßen, wo ich sonst stets im Stau steckenblieb, sind kaum Autos unterwegs, die meisten Läden haben geschlossen, nur Geldwechsler, Zigarettenverkäufer und Schuhputzjungen dösen im Schatten. Die Zufahrtsstraßen zum Präsidentenpalast und zum Hauptquartier von Armee und Polizei rund um das Champ de Mars sind mit Sandsäcken verbarrikadiert, ein eher symbolisches Hindernis, das von jedem Wagen leicht umfahren werden kann. Diebe haben die Säcke aufgeschlitzt und den Sand gestohlen, um ihn unter der Hand weiterzuverkaufen – ein Sack Zement kostet heute das Zehnfache des gewohnten Preises. Die Folgen des verschärften Embargos sind überall zu spüren: Grundnahrungsmittel wie Zucker und Reis, die Haiti früher ins Ausland exportierte, sind knapp, und den Bäckereien fehlt die Hefe, um Brot zu backen. Immer öfter höre ich von Passanten auf der Straße den Satz: „M’gain gran’ goût, ba’m youn’ dola’, blanc!“ (Ich habe Hunger, gib mir einen Dollar, Weißer), begleitet von einer kreisenden Handbewegung über dem hohlen Bauch.

Unter den mißbilligenden Blicken der in Bronze gegossenen Nationalhelden Toussaint Louverture, Dessalines und Christophe, die einst Haitis Freiheit und Unabhängigkeit von Frankreich erkämpften (siehe Kasten Seite 14), filmt ein amerikanisches Fernsehteam den leeren Platz vor dem schneeweißen Präsidentenpalast. Quer über die Straße gespannt ein Transparent in den Landesfarben Blau und Rot: „Democratie Oui! Embargo Non! Intervention Non!“ Gerüchte schwirren durch die Luft. Die amerikanische UN-Botschafterin Madeleine Albright hat den haitianischen Putschgeneral Cédras zum sofortigen Rücktritt aufgefordert, aber in der letzten Verlautbarung des State Department war von einer Frist bis Ende Oktober die Rede, die jedoch nicht als Ultimatum zu verstehen sei. So wird alles zerredet. Die dilatorische Politik der USA – Intervention heute oder morgen, vielleicht auch später oder gar nicht – lähmt Haiti mehr als jede, und sei es auch noch so falsche Entscheidung. Warten, bis das Embargo „greift“. In der Zwischenzeit gehen die Menschen hier elend zugrunde. Die Lebenshaltungskosten sind für die Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr bezahlbar. Eine Gallone aus der Dominikanischen Republik geschmuggeltes Benzin oder Dieselöl, das, in Plastikflaschen abgefüllt, an Straßenecken verkauft wird, kostet zur Zeit zwölf US-Dollar, und eine Fahrt mit dem Tap-tap, einem populären Sammeltaxi, die noch vor kurzem zehn Cent kostete, ist für die meisten Haitianer unerschwinglich geworden. Die Landeswährung, der Gourde, ist von Tag zu Tag weniger wert, die Inflation steigt so schnell wie die Arbeitslosigkeit. Und jede mit leeren Drohungen gefüllte Woche, die vergeht, ohne daß etwas geschieht, stärkt die Macht der von niemandem gewählten Militärs, die das ausgeblutete Land in ihrem tödlichen Würgegriff halten. Die Verzweiflung ist mit Händen zu greifen, sie überzieht wie Mehltau das Land und erstickt jede Lebensäußerung – sofern man noch von Leben sprechen kann.