Von Christopher Schrader

Einen ungewöhnlichen Präsidenten haben sich die Kardiologen für ihren Weltkongreß gewählt. Denn Wolfgang Schaper, der am kommenden Wochenende in Berlin 18 000 Herzmediziner begrüßen wird, ist im engeren Sinne kein Arzt. Mit Patienten hat der Grundlagenforscher nichts zu tun, und trotzdem ist seine Arbeit von großer Bedeutung für jeden, den Arteriosklerose quält.

Seit über zwanzig Jahren erforscht Schaper, Direktor am Max-Planck-Institut für physiologische und klinische Forschung in Bad Nauheim, wie sich der Körper gegen die gefährliche Verengung der Herzkranzarterien wehrt – indem er nämlich einen „natürlichen Bypass“ um die Engstelle errichtet. Blockieren Ablagerungen aus Cholesterin und geronnenem Blut den Versorgungsstrang, öffnen sich Ausweichgefäße, die bei jedem Menschen angelegt sind. Diese sogenannten Kollateralen verhindern den Infarkt, bei dem nichtversorgte Herzbezirke absterben, oder mildern ihn zumindest stark ab.

Jeder Herzspezialist registriert es daher mit großer Beruhigung, wenn er auf Röntgenbildern Kollateralen entdeckt, weil das Leben seines Patienten dann nicht akut bedroht ist. Ein Grund mehr, Schaper mit der Leitung des internationalen Kongresses zu beehren – und zu bemühen –, denn er ist auf dem Gebiet der Kollateralenforschung weltweit führend.

Bis er sich des Themas Ende der sechziger Jahre annahm, galten die Ausweichgefäße als Kuriosum: Nur vier Prozent der Menschen besäßen solche Blutbahnen am Herzen, glaubten viele Forscher. Bei der Leichenschau in der Pathologie stieß der junge Mediziner jedoch viel häufiger auf Unfall- oder Tumoropfer, deren Herzarterien stark eingeengt oder sogar völlig verschlossen waren. „Trotzdem haben viele der Verstorbenen nicht mal geahnt, daß sie herzkrank waren“, sagt der Max-Planck-Forscher, „weil ihre Kollateralen die Versorgung übernommen hatten.“

Bei näherer Inspektion unterschieden sich die Gefäße schon unter dem Mikroskop von normalen Arterien. Ihre Wand war nicht glatt, sondern oft innen zerklüftet. Offenbar hatte sie der Körper in großer Eile produziert. Das paßte nicht zur damaligen Lehrmeinung, die Kollateralen würden bei Bedarf passiv aufgebläht. In der Tat konnte Schaper zeigen, daß sie aktiv wachsen.

Dazu legte er Versuchstieren eine Klemme um eine Kranzarterie, die innerhalb von drei Wochen langsam quoll und das Gefäß abschnürte. Die Tiere erlitten jedoch keinen Infarkt, weil der Durchmesser der Kollateralen zwanzigfach, das Gewebevolumen sogar fünfzigfach anstieg. Diese Zuwachsrate erreicht oder übertrifft das Wuchern von Tumoren.