BERLIN. – „Wir wechseln den führenden Kopf aus!“ Mit diesem Slogan warb Der Tagesspiegel kürzlich für seine gnadenlose Gesichtsoperation. Ob die bunte Banalisierung des Berliner Familienblattes Erfolg verspricht, wird sich zeigen. Der Werbespruch selbst jedoch hat schon getroffen – den offenliegenden Nerv der Berliner Politik nämlich. In der Stadt schwelt der Wunsch nach Auswechslung der führenden Köpfe, und es wächst das Bedürfnis nach Köpfen, die führen. 73 Prozent der Berliner, das ermittelte jüngst eine Umfrage, wünschen als Stadtoberhaupt einen Politiker „von außen“. „Das ist eben so“ – mit trübem Schulterzucken quittiert es der SPD-Landesvorsitzende Ditmar Staffelt. Als Daimler-Chef Edzard Reuter kürzlich in einem Spiegel-Interview gnädig kundtat, er habe Interesse an der Berufung zum Regierenden Bürgermeister, nahm Staffelt das Angebot hin wie eine gerechte Strafe. Reuters Bewerbung fügte sich in Stil und Inhält so paßgenau in die Berliner Verhältnisse, daß einem sofort der Satz aus Adornos „Negativer Dialektik“ einfällt: „Das, Ganze ist das Unwahre.“

Die Zumutungen Reuters reflektieren nur das, was Berlin sich selbst und seinen Freunden zumutet. Gewiß, es muß brüskieren, wenn man liest, daß der Vorstandsvorsitzende von Daimler-Benz sich mit derselben Argumentation und Tonart bewirbt, mit der er schon bei dem Streit um die Investition am Potsdamer Platz provozierte. „Berlin darf nicht Posemuckel werden.“ Auch jetzt klang seine Neigung zum Berliner Amt so, als gehe es um Preisnachlaß wegen unübersehbarer Altlasten. Die Wahl der Bevölkerung interessiert ihn nicht, sondern der gemeinsame Ruf der beiden großen Parteien, nach der Wahl. Solche Kleinigkeiten der Demokratie wie Wahlkampf überläßt er großzügig der SPD und CDU. Erst wenn der rote Teppich liegt, wird geschritten.

Wer sich über Reuters Auftritt empört, muß sich fragen, welche Chancen überhaupt interessante politische Bewerber haben können. Wie tritt man auf in einer Stadt, die den Katzenjammer kultiviert? In Berlin regieren die gereizten Milieus, die neurotischen Kiezverteidiger und die politischen Klüngel. Als Wolfgang Thierse vor zwei Jahren sich um das Amt des SPD-Landesvorsitzenden bewarb, verlangte man von ihm prompt, er solle vorher seinen Verzicht auf die Spitzenkandidatur erklären. In der SPD belauern sich nach wie vor der rechte Britzer Kreis und der linke Donnerstags-Kreis und machen ihre personalpolitischen Manöver. Politik ähnelt dem Spiel „Schiffe versenken“. Als Mitte August der Bildungsreferent des SPD-Parteipräsidiums, Tilman Fichter, in einem Artikel die Option Reuter nannte, begann keineswegs die Debatte. Nur die Parteidetektive schwärmten aus zur Seilschaftsüberprüfung. Edzard Reuter hat die politische Klasse der Stadt provoziert; aber wer wollte seinem vernichtenden Urteil widersprechen?: „Die Qualifikation der Führungsschicht entspricht der Situation der Stadt vor dem Mauerfall.“

Gewiß, die Berliner Politik wird ungerecht behandelt. Aber es geschieht ihr recht. Die größte politische Aufgabe hat sie angepackt – mit Kleinmut. Alle Investitionsmittel der Stadt gehen nach Ostberlin. Das durchgesetzt zu haben ist eine große historische Leistung. Aber sie wurde in provinziellem Stil durchgezogen. Daß in Ostberlin die Brünnlein fließen, während die Westberliner Bezirke unter dem Spardruck die öffentlichen Brunnen abdrehen – dies und alles andere wird von der Bevölkerung noch hingenommen. Die Berliner Politik ist genau in die Tiefe gerutscht, wo faktisch die Vereinigung der Stadt geschieht: nämlich in die Infrastruktur, die von Grund auf erneuert wird.

Das Berliner politische Personal, das die historischen Herausforderungen wie Pfründen behandelte, hat seine Chance gehabt. Glaubt man den Umfragen und dem Gespräch auf der Straße, so wollen die Berliner endlich eine politische Stimme besitzen. Das Verlangen wächst, von der Politik etwas über Sinn und Ziel der Umwälzung der Stadt und ihrer Lage in Europa zu hören. Berlin braucht Politiker, die den Ansprüchen einer Hauptstadt gerecht werden; Politiker also, die sich auch gegen die rachsüchtige kleinliche Berlin-Feindlichkeit in Bund und Ländern wehren können, ohne daß es gleich wie „Berlin-Zulage“ klingt. Angesichts dieser Verhältnisse kann Edzard Reuter noch allemal die Chance nutzen, die er vertan hat. Aber bitte, für das nächste Mal: Wer Regierender Bürgermeister werden will, sollte es mit Leidenschaft betreiben. Nur als ein denkbarer Abschluß eines erfüllten Lebens wäre das Amt zu schade.