Bank und Börse

Von Elke Dolle-Helms

Oft kommt vieles ganz anders, als man denkt. Alle diejenigen, die die deutsche Versicherungswirtschaft stets als Kartell jenseits von Recht und Wettbewerb gegeißelt haben, müssen nun feststellen, daß mit der neuen Freiheit nichts besser geworden ist.

Der europäische Versicherungsmarkt, auf dem Policen seit 1. Juli ohne feste Vorgaben länderübergreifend gehandelt werden können, hat die Assekuranzen zwar in den Wettbewerb entlassen. Doch der Kunde hat bislang kaum davon profitiert. Eine Flut von Mogelpackungen komme auf Ahnungslose zu, empören sich die Fachleute der Verbraucherschutzorganisationen. Seitdem die Beamten des Berliner Bundesaufsichtsamtes für das Versicherungswesen Tarife und Versicherungsbedingungen nicht mehr genehmigen müssen, könnten die Gesellschaften in den Glaspalästen ihre Versicherten jetzt noch besser übers Ohr hauen als bisher, so der Tenor.

Tatsächlich zeigt sich bis jetzt vor allem die Kehrseite der größeren Produktvielfalt: Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht mindestens eins der über 400 in Deutschland ansässigen Versicherungsunternehmen ein neues Angebot mit mehr oder weniger lautem Getöse ankündigt. So verkauft der Deutsche Ring brandneu eine Lebensversicherung, die „mitdenkt“, Agrippina und Axa Equity & Law eine für Nichtraucher günstigere Risikolebensversicherung, die Transatlantische Lebensversicherung gar die erste Nichtraucher-Kapitallebenspolice. Die Continentale macht mit einer fondsgebundenen Lebensversicherung, deren Sparanteil in einen Ökofonds investiert wird, und einer flexiblen Krankenversicherung mit hohen Selbstbehalten auf sich aufmerksam.

Eine Autokaskopolice auf Bausteinbasis offeriert die Mannheimer, den sonst nur für Schutzbriefversicherte üblichen 24-Stunden-Beistand gewährt die Gothaer allen „Autokunden“. Die Zürich Lebensversicherung will gut Verdienenden eine der Fondspolice ähnliche Lebensversicherungskonstruktion unter der flotten Bezeichnung „Top Option“ nahelegen, die Tellit belohnt Wenigfahrer unter den Autobesitzern mit ermäßigten Prämien. Original britische Lebensversicherungen, die sich zwar flexibel an die Bedürfnisse des Kunden anpassen, aber auch risikoreicher sind, gibt es bei der Equitable Life. Sparpläne nach dem französischen Muster der capitalisation bei den in Straßburg beziehungsweise Schiltigheim ansässigen Versichertengemeinschaften agipi und afer. Mit besonders günstigen Tarifen will die Nürnberger junge Leute für eine Krankenzusatzversicherung gewinnen, Senioren erhalten bei der Örag eine verbilligte Rechtsschutzversicherung.

Für den überforderten Verbraucher indes ist es schon wenige Wochen nach dem 1. Juli unmöglich geworden, die Spreu vom Weizen zu trennen. Preise und Leistungen der Risikodeckungen lassen sich kaum noch vergleichen. Eins steht jedoch fest: Billiger ist Versicherungsschutz nicht geworden. Zwar tauchen auch Angebote auf, die auf den ersten Blick preiswerter erscheinen, aber dann meist auch mit eingeschränkten Leistungen. Vor solchen Mogelpackungen warnt Manfred Westphal, Versicherungsexperte der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände: „Klar, daß eine Sturmversicherung mit einer Selbstbeteiligung von tausend Mark, die erst für Schäden ab Windstärke zehn aufkommt, viel billiger sein kann, als die bisher übliche Versicherung, die bereits für Schäden ab Windstärke acht zahlt.“ Nur sind Orkane mit Windstärke zehn hierzulande äußerst rar.