Von Heinz Josef Herbort

Herr Mortier, Sie haben in diesem Jahr Strawinskys „Oedipus Rex“ und die „Psalmensymphonie“ szenisch gekoppelt, und es hat einen ungeheuren Eindruck hinterlassen. Dürfen wir daraus ableiten, daß auch im Musiktheater mit einer neuen Dramaturgie und einer neuen Ästhetik auch wieder das Reflektieren und Mitempfinden über das rein oberflächliche Genießen gesetzt wird?

Gérard Mortier: Ich hatte große Angst und Zweifel vorher. Auffallend war für mich, daß gerade dieser Strawinsky-Abend nach Messiaens „Saint François d’Assise“ der zweite Publikumserfolg war, der nicht nur mit der Aufführung zusammenhängt, sondern mit einer Kommunikation – daß sich dem Publikum etwas vermittelt, über den Menschen sowohl wie über den Sinn von Festspielen; in der „Psalmensymphonie“ zudem eine Art Katharsis. Ich habe den Eindruck, daß das Publikum dies dankbar angenommen hat. Man hat nämlich nicht über die Stimmen diskutiert oder andere Details, sondern über die Absicht und das Ganze.

Ich hatte in der Nacht darauf einen richtigen break down, Depressionen fast. Weil ich gespürt habe, was die Festspiele eigentlich sein können. Andererseits weil ich mich, nach einem solchen Sommer und im Hinblick auf alles, was geplant ist, gefragt habe: Habe ich nicht schon zu viele Kompromisse gemacht, wodurch etwa diese Vermittlung nicht genügend zustande kommt? Müßte ich nicht über die nächsten drei Jahre erneut nachdenken? Denn dieser Abend hat mir gezeigt: Ich kann doch viel weiter gehen. Jedenfalls habe ich meine Planung für 1996 und 1997 noch am gleichen Abend, in der gleichen Nacht überdacht und schon neue Ideen entwickelt.

Das heißt: 1995 sind die Kompromisse nicht so erheblich?

Der Kompromiß, den ich mit dem „Rosenkavalier“ für 1995 geschlossen habe, liegt mir ganz schön schwer im Magen; ich mußte ihn schließen, weil ich die „Elektra“ verschieben mußte. „Rosenkavalier“ ist nicht das Stück, das ich in einem der sechs Jahre, die ich vertraglich fest bin für Salzburg, unbedingt spielen müßte. Das mögen bitte die Leute, die sich dafür anmelden, nicht falsch verstehen. Aber es ist halt ein Stück, das nicht so nötig ist. Nach dem „Oedipus“-Abend weiß ich, daß wir hier andere Stücke machen können und machen müssen.

Ist „Traviata“ ein Stück, das Sie machen müssen?