Von Fredy Gsteiger

In der Pariser Renommieroper an der Bastille findet das Spektakel abseits der Bühne statt. Gespielt wird in ehrwürdigen Anwaltskanzleien, in rauchigen Gewerkschaftslokalen und in den Vorzimmern der Macht. Das Drehbuch schlingert zwischen billiger Schmierenkomödie und bizarrer Polittragödie. Zu großer Oper schwingt es sich selten auf. „Wäre das, was wir hier aufführen, eine richtige Oper“, spottet einer der Hauptdarsteller, der koreanische Musikdirektor Myung Whun Chung, „würde das Publikum mitleidig lächeln, weil die Handlung allzu absurd ist.“

Man erinnert sich: Begonnen hat die Krise der Bastille-Oper bereits, als sie eröffnet wurde. Eine „moderne Volksoper“ wollte Präsident François Mitterrand zum Ruhme seiner selbst und Frankreichs den citoyens bescheren – und setzte dafür einen Kultur-Koloß ins kleinbürgerliche Bastille-Viertel. Am 14. Juli 1989, zum zweihundertsten Jahrestag der Revolution, wurde der „Bastille-Moloch“, wie böse Zungen lästerten, dann eingeweiht. Musik sollte erschallen, wo einst die Gefangenen klagten. So wollte es der Präsident.

Im Grunde war der Bau noch längst nicht betriebsbereit. Aber da bereits alle Welt geladen war, mußte die Premiere um jeden Preis stattfinden. Die unziemliche Hast trieb die Kosten für die Handwerker und die 1700 Angestellten in schwindelnde Höhen, was bis heute nachwirkt. Weder bietet die neue Oper volkstümliche Eintrittspreise, noch kommt sie mit den jährlich immerhin 180 Millionen Mark aus dem Staatssäckel aus. Allein 1993 belief sich das Defizit auf gut zwölf Millionen.

So bildet die Bastille-Oper seit jeher einen trefflichen Resonanzraum für Skandälchen und Skandale. Kollerte einmal bei einer Berlioz-Inszenierung ein großer Kulissebrocken auf die Bühne, brach ein andermal das Dekor zu Othello über dem Orchester zusammen. Auch die Führungsquerelen sind Legende: Unter der Oberleitung von Pierre Berge drückten zwei Dutzend administrative und künstlerische Leiter einander die Klinke in die Hand. Das verwundert wenig, wenn man weiß, daß sich Berge keineswegs als Opernchef einen Namen gemacht hat. Er ist Generaldirektor des Yves-Saint-Laurent-Konzerns. Nicht diese Qualifikation hat ihm freilich seinen Bastille-Posten eingetragen, sondern die Freundschaft mit Mitterrand. Kommt hinzu, daß sich der Elysée-Herr zwar gerne als von den Musen geküßter Staatenlenker gibt, hingegen von Musik herzlich wenig versteht.

Nach Pierre Berges Wegbeförderung zum Ehrenpräsidenten im vorigen Jahr wurde endlich ein Opernprofi zum Nachfolger gekürt, einer, der in Paris als einstiger Adlatus von Rolf Liebermann in der alten Garnier-Oper einen hervorragenden Ruf genießt: Hugues Gall. Doch Gall, zur Zeit Leiter des Grand-Théatre in Genf, will seinen Posten nicht antreten, bevor die „Schwerkranke an der Bastille“ nicht genesen ist. Vor August nächsten Jahres mag er das betuliche Genf nicht verlassen. Mit der undankbaren Aufgabe, die bittere Remedur zu verabreichen, wurde deshalb Jean-Paul Cluzel beauftragt, seines Zeichens nicht Musikfachmann, sondern Finanzinspekteur. Er gilt nun als Sündenbock im jüngsten Theater ums Theater. Dabei muß er lediglich umsetzen, was Hugues Gall verlangt: Dieser will, wenn er kommt, allein das Sagen haben an der Bastille. Nicht nur an der Scala oder an der Met, nein, auch während der „goldenen Aera der Pariser Oper“ unter dem aufgeklärten Despoten Liebermann sei dies das Erfolgsrezept gewesen. Darüber hinaus möchte der künftige starke Mann das Haus besser nutzen – zumal die alte Garnier-Oper wegen Renovationsarbeiten während zweier Spielzeiten ausfällt. Mindestens 200 Vorführungen jährlich plant Gall, rund ein Drittel mehr als bisher üblich. Überdies sollen die Produktionen weit weniger üppig ausfallen – eine Forderung des gaullistischen Kulturministers Jacques Toubon.

Revolutionär? Jedenfalls wirft sich Cluzel als Vorhut Galls wacker ins Gefecht gegen die Strukturen. Und holte sich etliche Schrammen. Noch vor den Sommerferien wollte er die Bastille-Oper „entfetten“ und jene überzähligen Leute, die zwar weiterhin auf den Gehaltslisten, aber kaum zum Arbeiten auftauchen, entlassen. 119 Stellen wären gestrichen worden. Vorläufig bleiben gemäß einer richterlichen Anordnung alle bestehen. Freude bei den Angestellten, doch neuerlicher Unmut in der Öffentlichkeit. Die wiederholten Streiks im Frühsommer trafen nämlich just jene Großproduktion – „Tosca“ mit Placido Domingo, inszeniert von Werner Schroeter –, die über Großbildschirme in zwanzig Provinzstädte hätte übertragen werden sollen, mit dem Ziel, die „Volksoper“ endlich dem Volk näherzubringen. Die Bastille-Führung ist frustriert, und Kulturminister Toubon ist sauer: „Wenn weiterhin ständig Arbeitskämpfe aufflammen, wird unsere Oper schlicht umgebracht.“ Auch der nächste Schritt von Cluzel liefert den französischen Feuilletons nun seit Wochen Stoff: Weil Gall keine Größen neben sich dulden will, bekam der musikalische Leiter Myung Whun Chung mitten in den Sommerferien den blauen Brief. Sein Vertrag, mit jährlich rund einer Million Mark dotiert, läuft bis ins Jahr 2000. Der 41jährige Perfektionist Chung, der früher das saarländische Rundfunkorchester dirigierte, hat das bislang unscheinbare Pariser Opernorchester zu einem der renommiertesten in Europa gemacht. Selbst Hugues Gall zollt ihm dafür im Fachblatt Opera International Respekt: „Er gab dem Orchester Vertrauen und leistet seriöse Grundlagenarbeit.“ Inzwischen ist ihm aber der Südkoreaner zu teuer – wenngleich immer noch erheblich billiger als seinerzeit der mit großem Getöse gegangene Daniel Barenboim. Überdies ist Chung, auf dessen Schultern während der fünf Krisenjahre die künstlerische Verantwortung für das Haus lastete, nicht bereit, künftig zusätzlich Dutzende von Ballettvorstellungen zu dirigieren.