Von Fredy Gsteiger

Paris

Dieser Teil seines Lebenslaufs ist allseits bekannt: Der französische Präsident François Mitterrand stammt aus einer Bürgerfamilie in der Provinz, nicht reich, jedoch wohlhabend und stark katholisch geprägt. Bei den Mitterrands zu Hause war man „überzeugt patriotisch“. Mit 17 Jahren packte François seine Koffer, um in Paris Recht zu studieren. Dann begann der Krieg; der junge Mitterrand wurde bei Verdun von den Deutschen verwundet und gefangengenommen. Beim dritten Fluchtversuch konnte er aus dem Lager ausbrechen, kehrte nach Frankreich zurück und schloß sich der Résistance an, wo er eine wichtige Rolle spielte. Nach dem Krieg wurde der Jungpolitiker mit 31 Jahren erstmals Minister. Der Rest ist Geschichte.

Doch dies ist bloß ein Teil der Wahrheit. Wenige haben es bisher gewußt, viele haben es geahnt. Aber offen darüber gesprochen wurde nie: Mitterrand war in seiner Jugend nicht nur ein tapferer Widerstandskämpfer. Er unterhielt auch enge Kontakte zu rechtsextremen Kreisen und bewunderte glühend Marschall Pétain, in dessen Dienste er freiwillig, ja begeistert eintrat.

Für die meisten Franzosen kommt die in der vergangenen Woche erschienene Jugendbiographie von Pierre Péan über Mitterrand weniger überraschend als peinlich ungelegen. Eben noch hat man in Paris mit großem Pomp den 50. Jahrestag der Befreiung der Kapitale gefeiert; eben hat Mitterrand in großer Rede den ruhmvollen Kampf der Résistance beschworen – und schier „vergessen“, daß dabei auch Briten und Amerikaner eine Rolle gespielt haben. Und nun zwingt das hervorragend recherchierte Buch des Journalisten Péan, sich einmal mehr mit jenem Teil der Geschichte auseinanderzusetzen, den man hierzulande gerne verdrängt.

So liest sich das Curriculum vitae des jungen Mitterrand bei Péan: Bereits als Student tummelte sich der spätere Herr im Elysée-Palast im rechten, katholisch-konservativen Sumpf. In Feuilletonbeiträgen für das politisch weit rechts hetzende Echo de Paris machte er aus seiner Gesinnungsnähe zu quasifaschistischen Autoren keinen Hehl. Er selber äußerte sich zwar weder pro Nazideutschland noch antisemitisch und hatte jüdische Freunde. Er gehörte auch nicht, wie vereinzelt und hinter vorgehaltener Hand spekuliert wird, dem rechtsextremen Terrortrupp Cagoule oder der Action Française an. Gleichwohl bedauerte er Mitte der dreißiger Jahre in einem Artikel die Überfremdung des Pariser Quartier latin. Mitterrand nahm auch an fremdenfeindlichen Kundgebungen teil. Später erwähnte er diese als „die glorreichen Tage im März“. Von Traditionsbewußtsein beseelt, mit literarischem Talent begnadet, von Ehrgeiz getrieben – dies alles schimmert durch seine Äußerungen aus jenen Jahren.

Nach der Flucht aus deutscher Kriegsgefangenschaft 1942 führten ihn seine Wege keineswegs direkt in den Widerstand, statt dessen erst einmal nach Vichy, wo das nazifreundliche Petain-Regime saß. Der Vichy-Abstecher Mitterrands ist zwar seit langem bekannt. Doch bis heute galt er als Versuch, die Kollaboration zwischen Vichy und den Deutschen auszuspähen und der Résistance davon Kenntnis zu geben. Das Gegenteil ist wahr. Der Vichy-Beamte Mitterrand war fasziniert von der Gestalt Marschall Pétains, des Siegers von Verdun im Ersten Weltkrieg. Zunächst im „Dokumentationsdienst“ – eine Bezeichnung für den Vichy-Geheimdienst –, später in der Gefangenenklassifizierung war er dessen treuer Diener. Selbst als er 1943 Kontakte zum Widerstand knüpfte, blieb er manchen Vichy-Freunden verbunden. Eng genug jedenfalls, um die von ihm ersehnte „Francisque“ verliehen zu bekommen, einen hohen Orden für Getreue Pétains. Im „Hotel du Parc“ hat der greise Marschall den 26jährigen Mitterrand sogar persönlich empfangen, wie jetzt ein jahrzehntelang verschollenes Photo belegt.