Es kommt nicht alle Tage vor, daß der Spitzenmanager einer Bank seinen Hut nimmt. Denn das Beharrungsvermögen ist in den Chefetagen des Geldgewerbes besonders ausgeprägt: Die Gesellschaft versucht das Aufsehen, das durch einen außerplanmäßigen Wechsel ausgelöst wird, tunlichst zu vermeiden, und beim Führungspersonal verhindert oft die besondere Affinität zu Macht und Geld einen vorzeitigen Abschied. Daß Wolfgang Rupf, einer von sechs Geschäftsinhabern, die BHF-Bank verläßt, wäre vor diesem Hintergrund schon ungewöhnlich genug, gäbe es da nicht noch eine Begründung, die in einer auf äußerste Diskretion bedachten Branche durch ihre Offenheit verblüfft: Rupf geht zwar im üblichen „gegenseitigen Einverständnis“, die Bank verheimlich aber nicht, daß der Schritt wegen „unterschiedlicher Auffassungen über die Geschäftspolitik und die strategische Ausrichtung des Hauses“ erfolgt.

Wenn ausgerechnet die konservative BHF-Bank ihre internen Konflikte auf den Markt trägt, muß schon einiges im argen liegen. Offenbar steht das Frankfurter Finanzinstitut an einem Scheideweg. Bleibt das feine, aber relativ kleine Geldhaus, das sich vor allem auf das Geschäft mit mittleren und großen Firmen sowie vermögenden Privatkunden spezialisiert hat, prinzipiell auf seinem bisherigen Kurs, oder konzentriert es sich noch stärker auf ausgewählte Arbeitsgebiete?

Diese Frage beschäftigt seit geraumer Zeit nicht nur das Führungsgremium mit den jetzt bekanntgewordenen Folgen. Auch die rund 3300 ziemlich verunsicherten Angestellten des Konzerns wüßten endlich gerne, wohin die Reise führt. Sie müssen sich allerdings noch etwas gedulden. Wie die künftige Strategie aussieht, wollen die Geschäftsinhaber erst nach einer abschließenden Klausurtagung am 19. September dem Aufsichtsrat vortragen. Bis dahin verweigert Wolfgang Strutz, Sprecher des Spitzensextetts, jeden Kommentar. Eines gilt aber schon jetzt als sicher: Die Bank wird ihre bisherige Rechtsform ändern und sich aus einer Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) in eine echte Aktiengesellschaft umwandeln.

Handlungsbedarf besteht allemal. Viele Jahre lang hatte sich das Geldhaus, das 1970 durch die Fusion der von dem legendären Carl Fürstenberg geprägten Berliner Handels-Gesellschaft mit der Frankfurter Bank entstanden war, mit einer geschickten Nischenpolitik erfolgreich am relativ abgeschotteten deutschen Markt behaupten können. Nachdem es 1981 in einem aufsehenerregenden Schritt das sogenannte Mengengeschäft mit kleineren Privatkunden aufgegeben hatte, ließ sich das Institut gerne als einzige heimische Merchant-Bank feiern. Unter diesem Etikett rangieren anglo-amerikanische Finanzhäuser, die sich im Gegensatz zu den deutschen Universalbanken auf ausgewählte Geschäftsfelder wie die Unternehmensfinanzierung, das Wertpapiergeschäft und die Vermögensverwaltung beschränken. Dank enger Beziehungen zu führenden deutschen Unternehmen erlangte die BHF-Bank vor allem im Außenhandel eine bedeutende Stellung und gilt als das am stärksten international ausgerichtete Geldhaus hierzulande. „Unsere Strategie war und ist, über die qualitativ hochstehende Beratung und Problemlösung in Nischenmärkten andere Geschäfte mit zufriedenstellenden Konditionen zu erhalten“, gab Strutz einst als Losung aus.

Doch mit diesem Konzept hatte die BHF-Bank schon immer einige Probleme. Mit einem Geschäftsvolumen von zuletzt knapp 67 Milliarden Mark ist sie zwar bedeutend kleiner als die führenden Großbanken, andererseits aber eigentlich zu groß für interessante Nischen. Sie verfügt über vergleichsweise viel Eigenkapital, stößt aber bei der für globale Geschäfte inzwischen notwendigen und teuren internationalen Expansion an finanzielle Grenzen. Diese Zwitterstellung und die Verzettelung der Kräfte führte dazu, daß das Institut trotz des Renommees, das es hierzulande besitzt, auf keinem Geschäftsfeld als wirklich herausragender Akteur gilt.

Sein Haus, an dem die Allianz-Versicherung als größter Aktionär einen Anteil von rund sechzehn Prozent hält, sei eine „Bank sui generis“, eine besondere Bank, kokettiert Strutz. Insider sehen die BHF-Bank weniger verklärt und vermissen ein klares Konzept, mit dem sie gegen die immer stärker werdende ausländische Konkurrenz in Gestalt von echten Merchant-Banken wie Goldman Sachs oder J. P. Morgan bestehen kann. Vor allem auf dem Arbeitsgebiet Corporate Finance, das sämtliche Formen der Eigen- und Fremdfinanzierung von Unternehmen umfaßt, werden der Bank größere Schwächen nachgesagt. Bei der Vermögensverwaltung sieht sie selbst erheblichen Nachholbedarf, und der Ruf der Vermögensberatung ist nach der Affäre mit den berüchtigten Bond-Anleihen ziemlich angekratzt.

An der Beseitigung dieser Defizite wird seit geraumer Zeit gearbeitet. Um ihre Marktstellung zu stärken, hat die BHF-Bank mit der IKB Deutsche Industriebank eine gegenseitige Kapitalbeteiligung vereinbart und gemeinsam mit ihrem französischen Kooperationspartner Credit Commercial de France (CCF) eine Mehrheit an dem britischen Finanzinstitut Charterhouse erworben. Von der Kooperation mit der IKB (Bilanzsumme rund vierzig Milliarden Mark) verspricht sich die BHF-Bank zusätzliches Geschäft vor allem bei der Vermögensverwaltung, während Charterhouse eine neue Dimension im Corporate Finance eröffnen soll.