Ist ja schon alles gesagt über das Elend der Plätze, der deutschen zumal, alles beklagt, genützt hat es nichts. Bronzegebrünnel, wohin man blickt, Betongekübel, Stahlrohrgeschlinge und eine bodendeckende Zierpflasterakne, daß der Herrgott sich erbarme. Oder aber es blieb ganz schlicht bei Park-Plätzen, nach wie vor eine praktische Sache, einfach Autos drauf. Einige der anmutigsten Plätze Deutschlands sind immer noch auf diese wohlbewährte Art geteert und geblecht: der Residenzplatz in Würzburg, der Domplatz in Passau, der schöne weite Innenhof des Seminars in Fulda, die Große Domsfreiheit in Osnabrück; auch der Prunkhof des Hamburger Rathauses, der einzige Innenhof, den die Stadt vorzeigen kann, vorzeigen könnte. Oder man läßt – eine besonders traditionsreiche Art der Platzgestaltung – Soldaten aufmarschieren, wie jetzt vorm Brandenburger Tor in Berlin mit Großem Zapfenstreich im Fackelschein, törichten Gerüchten zufolge übrigens nach einer von Generaldirektor Professor Christoph Stölzl (Deutsches Historisches Museum) für 3,5 Millionen Mark liebevoll rekonstruierten Originalchoreographie Leni Riefenstahls („Helm ab zum Gebet!“)... Also dann vielleicht doch lieber Blumenkübel.

Wie gesagt: Alles gesagt, nichts genützt.

Trotzdem, wir versuchen es noch einmal – da neue Unbill droht. Denn so unerträglich den „Stadtplanern“ und „Landschaftsarchitekten“ der leere Platz ist, so unerträglich erscheint anderen der leere Raum: Wo Platz ist, muß was drauf, wo Raum, was rein. Ein Beispiel aus dem Norden: Die Lübecker Petrikirche, höchste, schönste Backsteingotik, wurde im Krieg von Bomben getroffen und brannte aus. Mobiliar, Orgel, barocke Verkleidungen, spätere Einbauten – alles perdu. Übrig blieben nur: weiße Wände, weiße Säulen, die weiße Decke, der blanke Boden. Ein gotischer Raum. Der gotische Raum an sich, ein wiederhergestelltes, ein zurückvollendetes Kunstwerk, so schön, daß man dafür, so unter uns Pfeffersäcken, gute 5 Mark Eintritt nehmen könnte, mindestens, Kinder und Soldaten die Hälfte. Was aber tun die Lübecker? Sie tun da Kunst rein. Sie machen eine Ausstellungshalle daraus. Sie stellen Trennwände hinein, sie hängen Stoffsegel an die Decke (zwecks Akustik), sie bauen Podien ein, kurz: Sie zerstören irgendwelchen Kunstgenusses wegen ein herrliches Kunstwerk.

Nur ein Beispiel. Etwas anderer Art ist der subtile Vandalismus, den man in Köln mitansehen muß, wo sich die gerade erst fertig restaurierten romanischen Kirchen – allen vorweg das Raumwunder Groß St. Martin neben dem Dom – allmählich wiedermit puttigem Kunsthandwerk und muffigen Fresken füllen, mit trübster Devotionalien-Moderne zum Tuffsteinerweichen, wobei, geschenkt!, Kitsch und Katholizismus natürlich aufs innigste zusammengehören, ja, umgekehrt, mancher Kitsch (von Wenders bis Strauß, Botho) nur ein gefallener Katholizismus ist, doch davon vielleicht ein anderes Mal.

Aber auch in uns besonders lieben Nachbarstaaten wie dem Königreich der Niederlande zum Beispiel, in Amsterdams gewaltiger Nieuwer Kerk oder in Den Haags Groter Kerk, sehen wir die schönsten Räume, Kirchenschiffe wie auf den Gemälden Saenredams oder de Wittes, gestört, zerstört: mittels Büro-Raumteilern und Messekojen in Ausstellungshallen verwandelt. Als gäbe es sonst kein Museum in der Stadt, keinen Platz für „Flämische Tapisserien“ oder „Luceberts photographisches Werk“!

Also bitten wir beständig und europaweit: einen schönen Raum einen schönen Raum sein zu lassen (und wir sehen schon mit Schrecken die Ausstellung „Modernes tschechisches Design“ im Wladislawsaal der Prager Burg vor uns und „Superphénix 2000“ in der Versailler Spiegelgalerie und „Kostüme aus drei Jahrhunderten“ in Vicenzas Teatro Olimpico oder Mantuas Palazzo del Tè). Leer lassen. Raum sein lassen, einfach Raum. Vor allem die alten Kirchen, denn sie sind immer noch, Hut ab zum Gebet: ein Abbild des Himmels. Benedikt Erenz