Von Gisela Dachs

Gaza-Stadt

Wenn Jassir Arafat jeden Samstag in Gaza seine „Minister“ um sich versammelt, sitzt eine einzige Frau mit am Kabinettstisch: Umm Dschihad, die Witwe des ermordeten Vize-PLO-Chefs Abu Dschihad. Für die Palästinenser ist allein ihr Name ein Symbol, und Symbole spielen nach wie vor eine große Rolle beim Aufbau der Autonomie – auch wenn es sich längst herumgesprochen hat, daß aus berühmten Revolutionären nicht unbedingt tüchtige Technokraten werden. Umm Dschihad, im palästinensischen Nationalrat verantwortlich für soziale Angelegenheiten, hat den Vorteil, beides zu verkörpern. Ihre liebenswürdige, geduldige Art läßt allerdings kaum vermuten, welche Laufbahn die „Mutter des Heiligen Krieges“ bereits hinter sich gebracht hat.

Mit richtigem Namen heißt sie Intisar Wazir, wurde 1941 in Gaza geboren und begann ihren Kampf für Palästina mit siebzehn Jahren. Auf einer Versammlung tritt ihr Cousin Khalil Wazir – der sich später Abu Dschihad nannte – als Redner auf; er ist da schon einer der aufsteigenden Stars der Revolution. Khalil Wazir, der in Kuwait wohnt, fragt sie, ob sie seine Assistentin werden möchte; sie willigt ein und schmuggelt in den nächsten Monaten Nachrichten und Waffen in Terroristenzellen auf der West Bank und im Gaza-Streifen. Wenig später heiraten die beiden; während ihrer Flitterwochen besuchen sie Untergrundkämpfer. Als Arafat 1966 in Damaskus mit seinem Stellvertreter Abu Dschihad von Staatschef Assad in Haft genommen wird, übernimmt Umm Dschihad das Kommando.

Abu Dschihad galt an der Seite des „Diplomaten“ Arafat als der „kämpfende Arm“ der Fatah-Bewegung, seit er 1973 den Chef der rivalisierenden Gruppe Schwarzer September getötet hatte. Er war für die Planung der Terroranschläge gegen Israelis in den siebziger und achtziger Jahren verantwortlich. 1988 erschoß ihn der israelische Geheimdienst in seinem Schlafzimmer in Tunis – vor den Augen von Umm Dschihad. Das Photo ihres Mannes flattert heute auf unzähligen Fähnchen, auf der anderen Seite ist Arafat abgebildet. Als der PLO-Chef Anfang Juli in den Gaza-Streifen einzog, hatte sich stundenlang das Gerücht gehalten, Abu Dschihad sei bei ihm – quicklebendig.

Ob ihr Ehemann das vor einem Jahr in Washington unterzeichnete Friedensabkommen gutgeheißen hätte, vermag Umm Dschihad nicht zu sagen; dennoch hätte sie diese neue Ära gerne gemeinsam mit ihm erlebt. Bis heute schießen ihr die Tränen in die Augen, wenn sie von Abu Dschihad spricht. Nach dreißigjährigem Exil im Libanon, in Syrien, Jordanien und Tunesien ist sie nach Gaza zurückgekehrt, um eine Aufgabe zu übernehmen, die ihr nicht fremd ist. Bereits 1966 hatte sie einen „Sozialfonds“ für die Waisen der Opfer im Kampf gegen Israel gegründet. Dieser PLO-Organisation, mit Sitz in Amman, steht sie bis heute vor. Im Grunde, sagt sie, sei ihr Leben nicht anders als bis vor kurzem in Tunis.

In Gaza sitzt sie im kurzärmligen blauen Kostüm hinter ihrem Schreibtisch, auf dem sich Papierberge, zwei Telephone und ein Faxgerät stapeln. Palästinensische Polizisten schotten die populäre Sozialministerin gegen die drängelnde Menschenmenge ab, die vor dem Eingang ihrer Behörde wartet. Es sind vor allem Frauen mit kleinen Kindern; zwei Männer sitzen in Rollstühlen. „Viele Leute, die draußen stehen, kommen einfach nur, um mich zu begrüßen.“ Viel Zeit bleibt dazu nicht. Alle fünf Minuten werden ihr Unterlagen hereingebracht, jedesmal entschuldigt sie sich für die Unterbrechung, liest konzentriert, dann unterschreibt sie oder gibt eine kurze Anweisung. Per Telephon wird ihr mitgeteilt, daß die Computer für die Ausstattung der neuen Ämter in Gaza und in Jericho gerade eingetroffen sind.