Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes wird in Italien, Griechenland und Spanien schlichtweg ignoriert.“ Maria Püschel ist sauer. Täglich gehen bei der Ausbilderin des Münchner Reiseveranstalters Studiosus Reisen Anrufe von Reiseleitern ein, die in südlichen EU-Staaten bei ihrer Arbeit behindert, bedroht und von der Polizei verfolgt werden. Die Berichte füllen inzwischen Aktenordner.

Der Deutsche Reisebüro-Verband hat seine Mitglieder aufgerufen, alle Vorfälle der Europäischen Kommission in Brüssel zu melden. Denn nach Ansicht der deutschen Tourismusindustrie verstößt die Behinderung deutscher Reiseleiter in Italien, Griechenland, Spanien und Portugal gegen geltendes europäisches Recht. Dieses gestattet innerhalb der Europäischen Union den freien Verkehr von Dienstleistungen. Im April 1991 urteilte der Europäische Gerichtshof, daß die Behinderung ortsfremder Reiseleiter in EU-Mitgliedsstaaten rechtswidrig sei.

Die Praxis sieht jedoch anders aus. „Wir werden bei Führungen immer von einheimischen Kollegen gestört. Sie rufen laut dazwischen, beleidigen uns oder rufen die Polizei“, berichtet Hannerl Neumann, die seit zehn Jahren als Reiseleiterin in Italien und Portugal unterwegs ist.

„Unsere Reisegruppen sind davon fast täglich betroffen“, weiß Maria Püschel, die bei Studiosus für die firmeninterne Aus- und Fortbildung verantwortlich ist. „Wir haben nichts als Ärger am Hals.“ Fast jede Belästigung wird von einer Anzeige begleitet, die von den betroffenen deutschen Firmen ebenso konsequent ignoriert wird.

Über dieses „alltägliche“ Maß hinaus gingen die Repressalien gegen die Münchnerin Gudrun König. Die freiberufliche Reiseleiterin wird sich demnächst sogar vor einem italienischen Gericht verantworten müssen. Einige Guides sind von den systematischen Drangsalierungen inzwischen so entnervt, daß sie keine Reisen in diese Länder mehr organisieren wollen.

Die Übergriffe haben sogar zu einer parlamentarischen Anfrage der FDP geführt. „Nach Einführung des Europäischen Binnenmarktes müssen derartige protektionistische Praktiken der Vergangenheit angehören“, forderte der fremdenverkehrspolitische Sprecher der Partei, Olaf Feldmann.

Mit ihren Einschüchterungsversuchen kämpfen die örtlichen Fremdenführer um ihre Pfründen. Sie pochen auf noch immer geltendes nationales Recht, nach dem Führungen in Städten wie Florenz, Venedig, Barcelona oder Sevilla nur von dazu lizensierten Guides durchgeführt werden dürfen.