Ob sich das Verliebtsein eines Schriftstellers unbedingt günstig auf seine literarische Arbeit niederschlägt, ist nicht bewiesen. Manchem verschlägt es nämlich durchaus die Sprache. Andere schreiben Gedicht auf Gedicht, ohne zu bemerken, daß sie sich in der Hitze des Gefühls von Text zu Text nur wiederholen.

Der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson 1850–1894) indes gehört zu jenen Geistern, die trotz akuter Liebesgefühle einen kühlen Essay über die Liebe zu schreiben imstande sind. Als sich der Verfasser von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ 1876 in eine gewisse Fanny Osbourne verliebte (seine spätere Frau), behauptete er zwar, daß das Verliebtsein das einzige „unlogische Abenteuer“ in einer „vernünftigen Welt“ sei, doch die Gedanken, denen er in seinem Essay „Vom Sich Verlieben“ nachging, zeugen sehr wohl von Logik und Vernunft.

Sprachverlust vor allem im „heiklen“ Moment der Liebeserklärung von Angesicht zu Angesicht ist eine der Gefahren, die nach Stevenson einem emphatischen Verhältnis zum Verliebtsein im Wege stehen. Seine Idealvorstellung: die sprachlose Liebeserklärung, eben das, wozu er, der Schriftsteller, sich naturgemäß nicht überwinden konnte. „Tatsächlich ist die Liebesgeschichte jene von zwei Menschen, die Schritt für Schritt in die Liebe hineingehen, mit verwirrtem Bewußtsein, wie zwei Kinder, die sich miteinander in ein dunkles Zimmer wagen. Vom ersten Augenblick an, in dem sie einander mit banger Neugierde ansehen, können sie mit Grad für Grad wachsender Freude und Verwunderung den Ausdruck ihrer eigenen Unruhe in den Augen des anderen lesen.“ Weil Stevenson zu solch stummem Glück selbst nicht in der Lage war, ist seine kleine Phänomenologie des Verliebtseins ein Dokument des Scheiterns, wiewohl ein sehr sprachgewandtes.

Ich weiß nicht, ob die deutsche Schriftstellerin Sibylle Mulot verliebt war, als sie ihr Buch „Liebeserklärungen“ schrieb. Jedenfalls liest sich ihre als Roman getarnte Phänomenologie des Sich-Verliebens mindestens so kühl wie jene hübsche Trouvaille aus der Literaturgeschichte. Nasse Lumpen gibt es hier genauso wie kostbare Seide, mit anderen Worten: sprachlose Gewinner genauso wie sprachversierte Verlierer. Obwohl über hundert Jahre nach Stevenson das Sich-Verlieben sein romantisches Flair verloren hat, sind doch die Probleme des Liebeserklärens die alten geblieben. Sibylle Mulot schickt eine junge Frau auf Wanderschaft und läßt sie eine Reihe von Verliebten, die alle irgendwie miteinander in Beziehung stehen, nach den Spuren von Amors Pfeilen befragen. Daraus entsteht ein äußerst witziger erzählerischer Reigen, durchaus in der Tradition von Boccaccios „Decamerone“ bis zu Urs Widmers wundervoller Erzählung „Liebesnacht“.

Die junge Frau trifft sie alle, die wild Entschlossene wie den heroisch Leidenden, die Liebesmüde wie den Schürzenjäger, siebzehn Frauen hat ein gewisser Paul in Rom kurz nacheinander verführt. Der Liebesprofi, löst die Frage des Wie-sag’-ich’sder-Angebeteten aufs modernste, indem er kurzerhand den Zeitgeist des ausgehenden 20. Jahrhunderts in die spontane Liebeserklärung hineinformuliert: „Verliebst du dich auch so oft? Ich verliebe mich ziemlich häufig.“ Robert Louis Stevenson würde erröten, wenn er erführe, wie Gabors Liebeserklärung ausfällt: „Ich habe eine Freundin, aber ich möchte lieber mit Ihnen schlafen.“

In einem freilich würde der ernste Herr Stevenson der augenzwinkernden Liebesphilosophin unserer Tage zustimmen. Die schönsten Liebeserklärungen sind immer noch die der sprachlosen Art. Was beim Altmeister jenes „dunkle Zimmer“, ist bei Sibylle Mulot das Kino. „Plötzlich im dunklen Auditorium ein Lichtschein. Ich wandte den Kopf. Was war das? Ein Scheinwerfer? Nein. Alles blieb farbenmatt und dunkel. ... Er hatte mich entdeckt. Sein Gesicht hatte angefangen zu strahlen. Vor Freude schickte er mir einen Sonnenstrahl in der Nacht – das Zeichen.“ – Wer also wissen will, welche Form der Liebeserklärung die ihm angemessene ist, sollte sie beide lesen, den Stevenson und die Mulot: Bücher fürs aufgewühlte Herz wie für den Kunstverstand. Hajo Steinen

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