Von Arne Daniels

Manchmal ließ die Chefin in ihre Seele blicken. Als ÖTV-Vorsitzende wolle sie keinesfalls in Rente gehen, offenbarte Monika Wulf-Mathies einem kleinen Kreis von Mitarbeitern.

Das war 1988. Seit Anfang dieser Woche kann sich die 52jährige ziemlich sicher sein, daß es dazu auch nicht kommen wird. Das Präsidium ihrer Partei, der SPD, nominierte sie zur Nachfolgerin des EU-Kommissars Peter Schmidbauer. Kanzler Helmut Kohl, der in dieser Personalie seit längerem im Hintergrund die Fäden zieht, bekundete „große Sympathie“ für den Vorschlag. Gibt nun noch das Europaparlament sein Placet, wird Monika Wulf-Mathies Anfang Januar in die Europäische Kommission wechseln – als erste deutsche Frau auf diesem wichtigen Brüsseler Posten.

Die Meldung kam für die Öffentlichkeit völlig überraschend – für die Vertrauten der mächtigen Gewerkschafterin war sie es so sehr nicht. Daß da noch „was anderes“ kommen solle in ihrem Leben, hatte sie immer mal wieder zu verstehen gegeben; und auch aus ihrem Interesse für internationale, vor allem europäische Politik machte sie keinen Hehl. Daß sie seit 1989 Präsidentin der Organisation mit dem schönen Namen Internationale der Öffentlichen Dienste ist, konnte diese Ambitionen kaum befriedigen. Mit dem Posten der EU-Kommissarin, sagt ein enger Mitarbeiter, würde sich für Monika Wulf-Mathies „ein Stück Lebenstraum“ erfüllen.

Doch daß die promovierte Historikerin, die ihre Karriere bezeichnenderweise nicht auf der gewerkschaftlichen Ochsentour, sondern als Referentin des damaligen Bundeswirtschaftsministers Karl Schiller und im Kanzleramt unter Willy Brandt und Helmut Schmidt begann, nach nunmehr zwölf Jahren den ÖTV-Vorsitz fahrenläßt, liegt nicht allein an ihrem politischen Ehrgeiz. Enge Mitarbeiter nahmen zuletzt eine „wachsende Distanz“ der Chefin zu ihrer eigenen Organisation wahr.

Der Bruch kam 1992. Damals geriet die Tarifrunde für die ÖTV und ihre Vorsitzende zum Desaster. Nach einem teuren elftägigen Streik hatte Wulf-Mathies einen durchaus sehenswerten Lohnabschluß ausgehandelt, doch die Basis verweigerte ihr bei der entscheidenden Urabstimmung die Gefolgschaft. Scheinbar unversehens geriet die zweitgrößte deutsche Gewerkschaft in eine tiefe Krise.

Monika Wulf-Mathies fühlte sich allein gelassen von ihren Vorstandskollegen und den Bezirksvorsitzenden, die den Tarifkompromiß zuvor immerhin akzeptiert hatten. Beim folgenden Gewerkschaftskongreß wurde die Vorsitzende wohl nur dank der ostdeutschen Delegiertenstimmen wiedergewählt. Der alte Machtkampf zwischen der Stuttgarter ÖTV-Zentrale und den Bezirken brach neu auf, zudem verunsicherte die plötzlich offenbar werdende Finanzmisere die Organisation. Die Wunden von 1992 sind nie ganz verheilt.