POTSDAM. – Wenn es im Lebensmittelladen kein Fleisch gab, habe es geheißen: „Die Deutschen haben alles weggegessen“, erzählt Erna Koop, Rußlanddeutsche aus Kasachstan. Mitunter bekam sie auch zu hören: „Schafft euch raus in eure Heimat, ihr Faschisten!“ Irgendwann hielten die Koops die üblen Verleumdungen nicht mehr aus und stellten einen Ausreiseantrag. Nun ist die 56jährige Wäscherin zusammen mit ihrem Mann, einem Traktoristen, und den zwei jüngsten, noch im Haushalt lebenden Kindern seit einem halben Jahr in der „Urheimat“, wie sie das Land ihrer Väter nennen. Doch im „Himmelreich auf Erden“, das sie sich erhofften, sind sie nicht angekommen.

Erna und Erich Koop gehören zur lost generation der Aussiedler aus dem Osten. Zu alt, um noch Arbeit zu finden, nicht alt genug, um schon Rente zu beziehen. So leben sie von der Sozialhilfe und der wenig begründeten Hoffnung, bald eine eigene Wohnung zu erhalten. Mit welchen Erwartungen sind sie zum „Gemeindetag der Rußlanddeutschen“ gereist, zu dem der evangelische Bischof Wolfgang Huber die deutschstämmigen „Geschwister im Glauben“ am vergangenen Wochenende nach Potsdam-Hermannswerder einlud? Erna Koop faltet die abgearbeiteten Hände und lächelt verlegen: „Vielleicht, daß fromme Worte uns guttun?“

Mit guten Worten wurde auch nicht gespart auf dem Treffen. Etwa 2000 in Berlin und im Land Brandenburg untergebrachte Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion waren mit Sonderbussen gekommen. Als „unsere lieben Neubürger“ heißt Staatssekretär Detlef Affeid (SPD) vom Potsdamer Sozialministerium die Gäste willkommen und verspricht, ihre Interessen „besonders zu berücksichtigen“ – sobald die Regierung wiedergewählt sei. Auch die „lieben Neubürger“ werden am kommenden Sonntag zur Brandenburger Landtagswahl schreiten. Der Staatssekretär lädt sie ein, sich „aktiv am Aufbau der neuen sozialen Wirklichkeit zu beteiligen“.

Ob er weiß, daß neunzig Prozent der Aussiedler nach sechsmonatiger Eingliederungshilfe zu Sozialhilfeempfängern werden, weil sie trotz guter Ausbildung keine oder nur unterqualifizierte Arbeit finden, wie Wolfgang Weiß von der Evangelischen Flüchtlingshilfe berichtet? Auf eine Wohnung warten die Familien zwei bis drei Jahre. Gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben nur junge Leute in wenigen Berufen.

Der Vertreter der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland betont eindringlich: „Ihr seid Deutsche und keine Ausländer, vergeßt das nicht!“ Doch seine Worte verstehen die meisten der neuen Bundesbürger erst, nachdem ein Dolmetscher sie ins Russische übersetzt hat.

Zwischen den Grußworten singen Frauen und Kinder deutsche Volkslieder voller russischer Seele. Den alten Menschen steht ihr schweres Leben ins Gesicht geschrieben. Viele haben in Rußland ein Fleckchen Land, ein eigenes Haus zurückgelassen, aber auch ein Leben voller Entbehrungen. Sie sind genügsam und bescheiden und empfinden, verglichen mit ihrem Leben in der alten Heimat, alle gegenwärtigen Schwierigkeiten und bürokratischen Hindernisse als unbedeutend.

„Wir haben jeden Tag satt zu essen“, lächelt die 68jährige Elisabeth Kristia aus Moldawien. „Gibt es noch mehr Glück?“