BR 3, Samstag, 10. September, 23.10

Uhr: „La Chambre des Horreurs“

Das derzeitige Spiel mit der Formensprache von Magazinsendungen ist so munter, daß es einen bedrücken kann. Im Grunde tun sie einem leid, diese dynamischen Moderatoren, die mit ihren Kameraleuten um die Wette spotten, um die Quoten zu steigern. Die Autoren, die mit ihren Beiträgen den ästhetischen Wettstreit mit der Unterbrecherwerbung suchen, sie dauern einen auch. Denn was sie sagen, ist nicht neu, sie sagen es nur schneller.

Um so ungewöhnlicher ist das Fernsehspiel „La Chambre des Horreurs“ vom Bayerischen Rundfunk. Es steigert die Form des wildgewordenen Magazins derart ins Monumentale, daß man kaum mehr weiß, wo der Unterhaltungswert enden und wo der Ernst des Lebens beginnen soll.

Die Sendung beginnt bei Eva. In einem Prolog bindet sie sich nackt vor den Schreibtisch ihres Gottes. Sie möchte wieder ins Paradies. Aber der Herr und Schöpfer des Fernsehens, der so spricht, wie Raymond Chandler schrieb, fordert von ihr eine bizarre Läuterung der Seele. Sie soll in der Vorhölle des Schunds „sieben Versuche, die Welt zu retten“ präsentieren. Sie stellt die nachfolgenden kleinen Essays als ihre eigenen Bußübungen vor, und die „wackeren Kulturredakteure“ des BR gehen aus, die Welt von ihren Irrtümern zu reinigen. Es ist ein Fegefeuer der besonderen Art.

Beispiel Andreas Ammer. Er erzählt von seinem früheren Glauben an die Macht der Nintendo-Welt. „Im Spiel, so sagten einst die Philosophen, sind wir den Sterblichen ganz nah.“ Doch das Spiel, das heute gespielt wird, ist der reine Schrecken.

Ammer führt den Horror der Computerspiele in Nahaufnahme vor. Die in Bildschirmzeilen zerrissene Schreckgestalt eines Henkers erscheint als bedrohlicher Exekutor einer blutgeschwängerten Maschinen-Phantasie, Seine Blutrunst führt zur Auflösung des Spielers zu einer Cyber-Graphik. F.M. Einheit spielt verzerrten Punk dazu, und aus dem Jenseits liest eine digital verzerrte, nachhallende Stimme den Anhängern von Marshall Mc Luhan die Leviten: „Die Botschaft ist das Spiel und das Medium ihr Messer.“ In früheren Arbeiten hat Ammer den Techno-Diskurs vorangetrieben. Nun kritisiert er ihn voll Entsetzen.