Wohl kaum ein anderes Thema erhitzt die Gemüter in Norddeutschland nun schon seit vier Jahren mehr und dauerhafter als der geplante Bau der Ostsee-Autobahn A 20. Ich kenne alle Gutachten, ich kenne die unterschiedlichsten Zahlen und alle Argumente dafür und dagegen – und komme zu dem Ergebnis: Die A 20 muß gebaut werden.

Die A-20-Gegner führen vor allem Belange des Umweltschutzes ins Feld. Sie warnen vor der Wiederholung der Fehler in der alten Bundesrepublik, vor der Versiegelung und Zersiedelung der Landschaft. Bei dieser Argumentation finden jedoch die konkreten Verkehrsbedingungen in Mecklenburg-Vorpommern keine Berücksichtigung. Es läßt sich leicht von Umweltschutz reden, wenn man selbst inmitten einer funktionierenden Infrastruktur mit bestens ausgebauten Straßen und Autobahnen lebt. Und wenn zum Beispiel ein Lübecker Verwaltungsangestellter anläßlich des Anti-A-20-Konzertes, das Enno von Guttenberg im März 1994 in Lübeck organisiert hatte, sagt, man müsse die Autobahn verhindern, damit die Gäste der Lübecker Hotels und die Wirtschaft nicht weiter in den Osten ziehen, so ist zumindest an der Redlichkeit mancher Anti-A-20-Argumentatoren zu zweifeln.

In Mecklenburg-Vorpommern sind neunzig Prozent der Menschen für die A 20. Warum? Sind sie tatsächlich ökologische Neandertaler, die ihre einmalige Landschaft zubetonieren wollen im Namen eines fragwürdigen Fortschritts? Es ist zu simpel und zeugt von wenig Kenntnis der wahren Probleme im nordöstlichsten Bundesland, die Hoffnungen der Menschen auf die A 20 auf diese Weise abzutun.

In Wismar haben wir zur Zeit eine Arbeitslosenquote von über siebzehn Prozent. Das Land Mecklenburg-Vorpommern ist in dieser Negativstatistik Spitzenreiter in Deutschland. Tausende leben von Arbeitslosenunterstützung, Tausende sind täglich für ihren Job Stunden auf verstopften Straßen unterwegs, pendeln nach Lübeck, Hamburg, gar nach Kiel oder Bremen. Sie alle hoffen auf die A 20, weil sie wissen: Wirtschaft und Verkehr gehören zusammen. Ohne A 20 keine wirtschaftliche Entwicklung, ohne Investoren keine neuen Arbeitsplätze im Land. Allein in Wismar sind zwischen 1991 und 1993 mehr als zwanzig Investoren wieder abgesprungen, weil leistungsfähige Transportwege fehlen.

Die Auffassung, eine Autobahn würde den Arbeitskräftesog gen Westen noch verstärken, teile ich nicht. Dem Wegzug der Menschen aus unserem Land soll ja gerade durch eine Wirtschaftsbelebung mit Hilfe der Autobahn entgegengewirkt werden. Im übrigen wird dieses Land nicht menschenleer, wenn Arbeitssuchende zeitweise pendeln. Aber es wird ärmer, wenn die Menschen ganz von hier wegziehen. Und das tun sie, wenn sie hier keine Lebenschancen für sich sehen.

Es gibt einen weiteren Grund für uns, die A 20 geradezu herbeizusehnen: Seit der Wende hat die Verkehrsbelastung in den Städten und Gemeinden unerträgliche Ausmaße angenommen. Allein durch Wismar quälen sich tagtäglich bis zu 60 000 Fahrzeuge! Gewiß – ein Großteil unserer Verkehrsprobleme ist hausgemacht. So hat sich die Anzahl der in Wismar zugelassenen Kraftfahrzeuge seit 1990 verdreifacht. Diese Probleme müssen und wollen wir aus eigener Kraft lösen. Doch zu „unseren“ Fahrzeugen kommt der im Vergleich zu 1989 verzigfachte Durchgangsverkehr hinzu. „Nur“ sechzehn Prozent, sagen die A-20-Gegner. Doch welche konkreten Zahlen verbergen sich hinter dieser abstrakten Größe? Das sind bis zu 10 000 Fahrzeuge – zum großen Teil Schwerlastzüge, die Wismar täglich und nächtlich durchqueren! Eine unzumutbare Belastung vor allem für die Wismarer, auch für die Bausubstanz der Häuser und den Zustand der Straßen.

Zur Entlastung der Städte vom Schwerlastverkehr wäre der Wechsel auf die Schiene die bessere Alternative, meinen die A-20-Gegner. Der Ausbau der Bahnstrecken würde die A 20 überflüssig machen. Auch ich plädiere dafür, den Gütertransport auf die Schiene zu verlagern. Nur leider sieht die Praxis in der Bundesrepublik Deutschland anders aus. Der Schwerpunkt allen Verkehrs liegt auf der Straße. Und es ist nicht zu erkennen, daß sich daran in absehbarer Zeit etwas ändert. Im Gegenteil. Mit der geplanten Regionalisierung des Schienenverkehrs muß befürchtet werden, daß nicht einmal alle jetzt vorhandenen Strecken erhalten bleiben. Das Schienennetz wird also nicht ausgebaut, sondern reduziert. Unter diesen Bedingungen ist es einfach blauäugig, im Flächenland Mecklenburg-Vorpommern, das seine größte Ausdehnung in Ost-West-Richtung hat, ohne Ost-West-Autobahn auskommen zu wollen.