Der Musikmarkt hat, wie man weiß, einen großen Magen – doch dann und wann wohl auch ein belegtes Ohr, so daß man staunt, warum wir jetzt erst mit dem Spanier Joaquin Turina (1882 bis 1949) überrascht werden, mit diesen drei zauberhaften Kammermusiken: Serenata op. 87, Streichquartett op. 4 „de la Guitarra“, Las Musas de Andalucía op. 93 – musiziert vom Quartet Sine Nomine, der Sopranistin Maria Bayo und dem Pianisten Ricardo Requejo (Claves 50-9320, Vertrieb helikon). Der aus Sevilla gebürtige Turina, der sich durch fast alle Gattungen komponiert hat, war sich zusammen mit den Freunden I. Albeniz und de Falla damals einig gewesen, daß der zeitgenössischen europäischen Musik nationale Färbungen guttäten. Nein, kein Folklorismus war das Ziel. Sie strebten nur nach einer „nationalen Musik universeller Prägung“, nach nichts anderem als dem, was etwa Bartók und Kodàly, Enescu oder Szymanowski auf ihre Weise vollbracht haben: Musik mit einer Herkunfts-Färbung, die als Bereicherung verstanden würde. Bei Turina wurde es ein ganz sacht andalusisch pointierter Impressionismus, der weniger an Debussy als an Ravel erinnert: betörender Wohlklang oft, ruhiges Temperament, die spanischen Tanzrhythmen so assimiliert, daß man sehr genau hinhören muß. Das eigenwilligste Stück sind wohl die neun gewissermaßen naturalisierten „Andalusischen Musen“, lauter sanftmütige, charaktervolle, bisweilen zu heftigen Regungen aufgelegte Wesen. Das schönste Stück? Gewiß die Streichquartett-Serenade – wiegend, flirrend, singend und sinnierend, reine Genußmusik und ganz wunderbar gespielt.

Manfred Sack