Man kann sich schwerlich etwas Trostloseres vorstellen als die Straßen von Berlin. Mangel an Bewegung besteht natürlich nicht (das wäre in einer Stadt mit nahezu einer Million Einwohner auch nicht gut möglich), aber es ist eine irgendwie bekümmerte, fast verkrampfte Bewegung, als ob alle diese sich hin und her bewegenden Menschen furchtbar gern auf und davon liefen... Es ist, als sei all dieses Volk nur auf die Straße hinausgeströmt, um sich für einen Groschen Wurst zu kaufen; und jeder eilt, so schnell er kann, mit dem Gekauften nach Hause, damit nicht etwa Bekannte es sehen und ihm das Stück abbetteln.

Michail Saltykow: „Reise nach Paris“, 1880

Brief aus Venedig

„Wissen Sie“, sprach der vielgereiste Engländer am Pool des Bäderhotels, „ich sage den jungen Kritikern immer wieder: Macht dieses Festival nicht so herunter! Sonst fragen euch eure Redaktionen irgendwann, warum ihr überhaupt noch nach Venedig fahren wollt, und schicken euch nicht mehr hin.“ Deshalb wollen wir die Filmfestspiele nun auch kräftig loben: für ihren Wettbewerb, in dem von Ermanno Olmis Bibelschinken „Genesis“ bis zu Ildiko Enyedis englisch-deutsch-ungarischem „Freischütz“ so ziemlich alles versammelt ist, was die europäischen Fördergremien für Filmkunst und die europäischen Zuschauer für entbehrlich halten; für die Reihe „Notti Veneziane“, in der wir jene amerikanischen Filme, die wir sowieso bald zu Hause sehen werden („Wolf“, „Forrest Gump“, „Clear and Present Danger“), mit italienischen Untertiteln anschauen dürfen; und vor allem für das Wetter, das zuerst mit Wolkenbrüchen und Gewitterstürmen, dann mit brachialem Septembersonnenschein für gute Laune und volle Kinos sorgte. Nach vier Tagen war das Festival schon beinahe sanft entschlafen, da trat ein Gespenst zur Tür herein: Fassbinders „Martha“, ein Fernsehfilm von 1973, der die Kinomüden von 1994 das Fürchten lehrte. In der grausamsten Szene dieses Ehedramas fällt Karlheinz Böhm in einem italienischen Hotelzimmer über die am Badestrand knallrot flambierte Margit Carstensen her – ein Moment, der hinfort in keiner Dissertation über „Sonnenbrand und Filmgeschichte“ fehlen darf. Womit wir wieder am Pool wären. Und die weiteren Aussichten: heiter bis wolkig, im Kino Schauerwetter mit vereinzelten Lichtblicken. Sonnenbrandgefahr! Nächste Woche mehr.

So macht Klassik Spaaaß

Schöne Nachtmusik am Freitag, 3. September, 21.20 Uhr. Plötzlich endet die Musik. Eine Katastrophe irgendwo? Eine wichtige Durchsage? Nein, das Band ist offenbar zu Ende. Rauschen und Rumpeln aus dem Lautsprecher. Da wissen wir, bei welchem Sender wir sind: Klassik Radio und seine fast alltäglichen Katastrophen! Doch diesmal ist es besonders klassisch. Das Rauschen und Rumpeln nimmt kein Ende. Nach fünf Minuten eilen wir entnervt zum Telephon, um die Leutchen, die offenbar mit einem Bandwechsel überfordert sind, aus dem Schlummer zu wecken. Auch bei der Zentrale läuft ein Band, mit der für einen Sender, am Freitagabend, klassischen Durchsage: „Hier ist Klassik Radio. Unser Empfang ist zur Zeit nicht besetzt. Bitte rufen Sie am Montag wieder an, von 9 bis 17 Uhr.“ Aus dem Radio noch immer: Rauschen und Rumpeln. Nach etwa zehn Minuten ein Knacken – und, nein, keine Erklärung, kein Wort der Entschuldigung, sondern die fröhliche Stimme eines Ansagers, offenbar von einem anderen Band: „Sie hörten das Violinkonzert von Alexander Glasunow.“ Was ist aus der schönen Idee eines Senders für klassische Musik geworden! Fast ein Viertel der Sendezeit müllt uns Klassik Radio inzwischen die Ohren zu – mit Eigenwerbung. In raunendem oder säuselndem Ton von Märchentanten wird von den ewigen Schönheiten der klassischen Musik gefaselt, die gut sei zum „Träumen“ und „Vergessen“ – und jetzt gleich bestellen die „im Handel nicht erhältliche“, besondere Edition „Das Schönste...“ aus Oper, Musical, Film-Musik oder die Special-Reise in englische Schlösser und Landhäuser mit Diners bei Kerzenschimmer und zwischendurch ein bißchen klassische Musik zur besseren Verdauung. Den schönen, ernsten Auftrag, rund um die Uhr klassische Musik zu spielen, hat dieser Sender längst vergeigt, vor allem, wenn die Geschäftsführerin, Ingrid Roosen, persönlich das Mikrophon malträtiert. Mit überschnappender Stimme keucht sie nach fast jedem zweiten Musik-Häppchen: „Jaa, so macht Klassik Spaaaß.“ Aber den journalistischen Offenbarungseid hat Frau Roosen für sich und ihren Sender längst geleistet in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel (18.1.1994) unter dem Titel: „Klassik Radio bevorzugt CD-Qualität, Hits und Lifestyle.“ Information wird da geschmäht als „den Zuhörern Opuszahlen um die Ohren hauen“. Wie sehnt sich der Hörer von Klassik Radio nach solchen Schlägen! Doch wie sülzt es aus diesem Sender: „Nur das Schönste der Klassik von Klassik Radio.“