Taktlos

„Bevölkerung und Entwicklung“ steht im Titel der UN-Weltkonferenz in Kairopolitically correct. Besser wäre gewesen, die Probleme beim Namen zu nennen: Überbevölkerung und Unterentwicklung. Auf den Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wartete man vergebens. Statt dessen kam Bundesinnenminister Manfred Kanther, immerhin auch für einen Teil der Weltbevölkerung zuständig. Da sich der Minister mit der englischen Sprache ein wenig schwer tat, faßte er sich auf seinem Tagesausflug vom Rhein an den Nil kurz. Mit klaren Worten wies er auf die Gefahr drohender Überbevölkerung in Deutschland hin, so daß eine „beliebige Zuwanderung“ nicht geduldet werden könne. Jedoch: „In unserem Land leben sieben Millionen Ausländer in bestem Einvernehmen.“ Der Dolmetscher übersetzte das mit perfect harmony. Das klang ebenfalls politisch korrekt und vermied deutsche Worte, die in der Welt bekannt geworden sind: Solingen und Magdeburg.

Taktvoll

Spione, Kommunisten, Musiker – das FBI hat selten gezögert, über all diejenigen eine Akte anzulegen, die als Risiko für die „nationale Sicherheit“ galten. Nachdem kürzlich die Akte des Dirigenten Leonard Bernstein aufgrund des Freedom of Information Act geöffnet werden mußte, ist nun abermals das Dossier eines Klassikers aufgetaucht. John Lennon wurde in der Ära Nixon intensiv observiert. Der wichtigste Inhalt seiner Akte ist eine Spende über 75 000 Dollar an eine offenbar fiktive Friedensgruppe. Lennon, eine nationale Bedrohung? Wohl kaum. Ein FBI-Agent notierte: „Lennon und seine Frau sind für die Politik der Vereinigten Staaten passé.“ Die Akte zeigt überdies, daß Nixons Stabschef Harry B. Haldeman von der Überwachung Lennons wußte. Da der Musiker keine Gefahr bedeutete, bleibt nur die Schlußfolgerung: Nixon war ein Lennon-Fan.

Taktisch

Samstag schulfrei, das wünschen sich in Frankreich fast alle: Lehrer, Eltern und besonders natürlich die 6,8 Millionen Schulkinder. Seit Jahrzehnten ist aber der Mittwoch ein freier Tag. Eingeschränkt frei, denn theoretisch ist er für religiöse Studien vorgesehen. In Wirklichkeit genießen die Kinder ihre freie Zeit. Kultusminister François Bayrou ist der Idee einer Vier-Tage-Woche nicht abgeneigt – falls gleichzeitig die Schulferien verkürzt würden. Das treibt zwei Interessengruppen auf die Barrikaden: die „Lebenszeitplaner“ und die Tourismusbranche. Beide kämpfen für lange Ferien, die einen wollen die Erholung der Kinder, die anderen wollen das Geld der Eltern. Ergebnis des Streits: Immerhin jede siebte Grundschule befolgte Bayrous Rat, begann das Schuljahr eine Woche früher und gibt künftig den Samstag frei. Das einfachste wäre natürlich, die Samstagsstunden auf den Mittwoch zu verlegen. Doch dazu konnten sich die Politiker bisher nicht durchringen. Sie fürchten den Zorn Gottes, zumindest die bischöfliche Kommission für den Religionsunterricht.