ZDF, Mittwoch, 31.8: „Die Milliardenbombe“; ARD, Donnerstag, 1.9.: „Kindersegen wird zum Fluch“

Der Tagelöhner hat fünf Söhne. Er ist arm, aber reich an Nachkommen. Der Beamte hat vier Töchter. Er ist wohlsituiert, doch ohne Erben kein glücklicher Mann. Seine Frau muß weiter gebären – bis endlich ein Sohn auf der Welt ist. Und da ein Sohn wegsterben könnte, also nicht genug ist, sollten es besser zwei oder drei sein. Ja, und der Tagelöhner mit den fünf Jungen hat natürlich auch die eine oder andere Tochter: Mädchen werden, während die Eltern die Söhne ersehnen, nebenbei und mit Bedauern in die Welt gesetzt. Sofern sie nicht, wie bei besser verdienenden Eltern, die sich die Ultraschalluntersuchung leisten können, im dritten Monat abgetrieben werden.

„Die Macht der Tradition kann man nicht mit Gewalt brechen“, hieß es in Peter Bergs klug komponiertem Film über die „Zeitbombe Mensch in Indien. Ohne Gewalt aber wohl auch nicht. Die Bevölkerung des Subkontinents strebt auf die Milliardenmarke zu. In dieser Übervölkerung, die eine Bedingung der Armut, der Arbeitslosigkeit und der politischen Instabilität ist, steckt selbst Gewalt.

Bergs Film zeigte das indirekt, durch Fälle, Geschichten, Maßnahmen, er zeigte den „Krieg gegen die Fruchtbarkeit“, der offenbar nur sinnlose Zerstörung anrichtet und nie gewonnen werden kann. „Das Schlachtfeld der verfehlten Bevölkerungspolitik Indiens ist der Unterleib der Frauen.“ Und wenn eine Frau beim Werfen von Knaben nicht funktioniert, wird gleich ihr ganzer Leib in Brand gesteckt. 5000 sogenannte Mitgiftmorde werden jährlich angezeigt, Verurteilungen gibt es keine, die Dunkelziffer liegt in einer „Zone des Grauens“.

Die Weltbevölkerungskonferenz in Kairo hat gleich noch eine weitere Reportage aus Asien ins Gesamtprogramm gehoben: Die ARD zeigte Udo Kilimanns Film über den verfluchten Kindersegen auf den Philippinen. Hier ist es zusätzlich zur autochthonen Tradition die katholische Kirche, die eine wirksame Regulierung der Fruchtbarkeit verhindert. Aber sie verhindert nicht, daß selbst die Slums von Manila für die Allerärmsten zu unerreichbaren Quartieren werden, daß diese „Aasgeier“, wie sie sich selber nennen, auf den Müllbergen vor der Stadt hausen. Hier leben sie vom Herausstochern wiederverwertbarer Teile, und auch die Kinder – viele Familien haben fünf, acht oder mehr sobald sie fähig sind zu stochern, arbeiten mit.

Aufmüpfige Ordensschwestern und Sozialarbeiter, auch Frauengruppen sind es, die der Regierung dabei helfen, Pille und Kondom unters Volk zu bringen. Sie unterstützen die Mütter dabei, sich Leben und Verdienst unabhängig von den Männern zu sichern, und legen neben den Müllgruben Küchengärten an. „Wir suchen das Kräutlein gegen die Empfängnis“, sagt lächelnd ein junges Mädchen.

Fernsehen ist in solchen Reportagen, die – leider oft zu spät am Abend „versendet“ – politischer sind als die meisten Magazine, ganz auf der Höhe seiner Wirkung. Es holt die Ferne heran, zoomt uns deren Katastrophen in die Pupille und erweist so, daß die Welt klein und nah genug ist für einen genauen Blick auf alle ihre Gebrechen. Information, heißt es immer, werde im Fernsehen unter Bildern verschüttet. Es gibt Informationen, die erst als Bilder wahr sind. Dazu gehört die weltweite Übervölkerung.

Barbara Sichtermann