Von Tobias Gohlis

Der Blick auf die Karte ist wie ein Versprechen: Als roter Faden durchzieht die N 630 von Gijón hoch im Norden bis Cädiz am Mittelmeer den Westen Spaniens. Es ist die spanischste aller Reiserouten. Seit vorgeschichtlicher Zeit ist die erstmals von den Römern ausgebaute Straße Hauptschlagader für das Auf und Ab und Nord- und Südwärts von Menschen, Gütern, Gedanken. Eine Reise auf dieser Vertikale erschließt das immer noch eigenartig fremde Land hinter den Pyrenäen: Silberstraße – Ruta de la Plata – haben die Touristiker in Madrid die 850 Kilometer zwischen Gijón und Sevilla genannt, Ruta del Oro – Goldstraße – müßte sie eigentlich heißen.

Wenn man sie in der traditionellen Richtung germanischer Invasionen angeht und in Gijón startet, kann es geschehen, daß man gleich an ihrem nördlichsten Zipfel hängenbleibt. Nichts in dieser betriebsamen Hafenstadt bereitet den Reisenden auf die große, moderne Magie vor, die ihn auf der Cimadevilla erwartet, einer bastionsähnlichen Felsnase, die seit je die Altstadt Gijöns vor der gewaltigen Brandung der Biscaya schützt.

Steigt man, die Enge der Altstadt zurücklassend, den grasbewachsenen Hang zur Cimadevilla hinauf, erscheint oben nach und nach ein kolossaler Reif aus Stahlbeton. Gestützt auf zwei elefantös plumpe Sockel, schwebt er in der Horizontale über dem Meer. Roh und ungeschlacht wirkt die mehr als acht Meter hohe Skulptur, doch bald erschließt sich der Reiz von Konstruktion und Material. In kalkulierter Spannung zu den weit südlich den Horizont beschließenden Bergen bündelt der Reif, kühn wie ein Stirnband geschwungen, die Signale und Kräfte der Region: die Kräne und Schiffsbäuche im Hafen, die Schlote der Kohle- und Stahlindustrie, die grünen Hügel der asturischen Landschaft. „El elögio del horizonte“, Lobpreis des Horizonts, hat der Baske Eduardo Chillida seine Skulptur genannt. Schaut man zwischen Sockeln und Reif hindurch, dienen sie als gewaltiger Bilderrahmen, der ein einziges, nie gleichbleibendes Motiv faßt. Es ist die pure Ferne. Alle Sehnsucht Spaniens nach Norden, Maß und Kühle ist im graffitobesprühten Beton-Dia Chillidas gebannt. Stundenlang kann man hier verweilen, in Betrachtung versunken.

Irgendwann geht der Blick zurück: Dorthin führt die Reise. Vierspurig arbeitet die Ruta de la Plata alias N 630 sich aus dem Gürtel moderner Wohnblocks am Stadtrand Gijöns auf Oviedo und die Bergkette der kantabrischen Kordillere zu. In ihrem Schutz entstand im 8. und 9. Jahrhundert das christliche Königreich Asturien als letzte Widerstandszelle westgotischer Adliger gegen die maurische Eroberung. Von hier nahm die Reconquista ihren Ausgang. Deshalb werden in der Cämara Santa der Kathedrale von Oviedo ein „Kreuz der Engel“ und ein „Kreuz des Sieges“ aus dem 9. Jahrhundert wie Staatsreliquien aufbewahrt. Doch uns bleibt der Besuch verwehrt. Streikende Arbeiter, die gegen die Schließung ihrer Fabriken protestieren, halten die Kathedrale besetzt. „Reindustrialisierung“ und „Streik“ skandieren Demonstranten auf ihrem Marsch durch die asturische Hauptstadt.

Der Kontrast könnte nicht größer sein: Oberhalb Oviedos ruht in unvergleichlicher Noblesse Santa Maria del Naranco, das schönste aller frühromanischen Gebäude Asturiens. Selbst in Nebel und Regen strahlt der langgestreckte, hoch aufragende Saalbau eine Eleganz und Heiterkeit aus, die man erlebt haben muß, um glauben zu können, daß er im 9. Jahrhundert am nassen Nordrand Spaniens entstand.

Das ursprünglich als Palast errichtete Bauwerk ist ein Wunder des Davor und Danach, das selbst für die an solchen Mischungen reiche Architekturgeschichte Spaniens außergewöhnlich ist. Der Romanik konstruktiv um zwei Jahrhunderte voraus sind Tonnengewölbe und Strebbögen, die den siebeneinhalb Meter hohen Ratssaal im oberen Stockwerk tragen. Noch weiter zurück, in die Antike, nach Byzanz und in die Blütezeit westgotischer Ornamentik, reicht die Reliefkunst an Kapitellen und Rosetten. Von außen wirkt der Bau herrschaftlich streng. Doch im Innern, wenn Licht durch die geöffneten Fenster einfällt und die Wände transparent werden, sind seine Harmonie und Leichtigkeit fast körperlich, als Tanzlust, zu spüren. Wie bestellt, klingen aus dem nebelverhangenen Oviedo gregorianische Gesänge herauf.