Würde es sich um ein Buch handeln, das ausschließlich das globale Bevölkerungswachstum und seine gefährlichen Folgen beschreibt, es wäre angesichts der vielen Veröffentlichungen zur UN-Weltbevölkerungskonferenz in Kairo nicht mehr besonders herauszuheben. Reiner Klingholz jedoch gehört einer leider viel zu raren Spezies an; er zählt zu den wenigen Journalisten, die sich seit etlichen Jahren intensiv mit den globalen ökologischen Problemen und ihren komplexen Interdependenzen beschäftigen.

Das Buch beginnt mit einer persönlichen Energiebilanz des Autors, der detailliert vorrechnet, wie er trotz umweltbewußter Bahnfahrt in sein Büro an einem gewöhnlichen Arbeitstag ein Energiequantum verbraucht, das dem von zwanzig Litern Erdöl entspricht. Klingholz weiß, daß das allgegenwärtige Schlagwort „Überbevölkerung“ deshalb problematisch ist, weil es ein relativer Begriff ist. Bekanntlich leben in den Niederlanden wesentlich mehr Menschen auf einem Quadratkilometer als in Kenia, und dennoch würde niemand unmittelbar auf den Gedanken kommen, die Niederlande als demographischen Problemfall zu beschreiben.

Stellen wir jedoch, wie Klingholz das tut, den Verbrauch fossiler Energien und die Freisetzung von Kohlendioxid in Rechnung, die vor allem anderen für den Treibhauseffekt sorgen, ergibt sich ein ganz anderes Bild. So erzeugt ein Deutscher durchschnittlich rund zwölf Tonnen Kohlendioxid im Jahr, ein Bangladeschi hingegen kaum mehr als hundert Kilogramm. Bezogen auf die Kohlendioxid-Emission ist Deutschland sechsmal zu dicht bevölkert. Anders ausgedrückt: Um die Ökobilanz auszugleichen und den kurzsichtigen Raubbau zu Lasten künftiger Generationen zu beenden, dürften wir nur ein Sechstel der derzeit verbrauchten Energie konsumieren.

Die Debatte über die „Bevölkerungsbombe“, wie der amerikanische Biologe Paul Ehrlich 1968 das globale Menschenwachstum reißerisch titulierte, hat bis heute nicht selten einen unangenehmen Beigeschmack. Zuvörderst ängstigen sich Weiße davor, daß zu viele Gelbe, Braune und Schwarze heuschreckengleich einfallen und ihnen den liebgewonnenen materiellen Wohlstand streitig machen könnten. Konservative leiden hierzulande auch oft an der Zwangsvorstellung, daß es auf der Welt viel zu viele Menschen, aber viel zu wenig Deutsche gibt.

Ohne Selbstkritik jedoch und einer aus ihr resultierenden Umkehr der Bewohner der Industriestaaten, die sich dem grenzenlosen Wachstum verschrieben haben, ist die Kritik am Babyboom in der Dritten Welt unglaubwürdig. Um das Überleben der Spezies Mensch zu sichern, muß nicht nur die Gefahr der fatalen Überbevölkerung im Süden gestoppt, sondern gleichzeitig auch der verantwortungslose Überkonsum im Norden ein Ende finden.

Die Frage, wie viele Kinder soll der Mensch haben, reicht naturgemäß ins Intime jedes einzelnen und erregt Emotionen. Klingholz hat das Thema mit der wohltuenden Nüchternheit eines Naturwissenschaftlers bearbeitet. Gleichzeitig bombardiert er die Leserschaft in den sechzehn Kapiteln nicht mit Zahlen, diese nehmen größtenteils in Schaubildern Gestalt an. Immer wieder verwendet der Autor das Genre der Reportage, um die vielfältigen Ursachen und Folgen des Menschenwachstums – sei es in China, Bangladesch oder Kenia – als Probleme von Menschen, von Individuen darzustellen und zu erläutern. Klingholz hat zudem – bis auf. ganz wenige Ausnahmen – der bei diesem Thema großen Versuchung widerstanden, apokalyptische Visionen auszumalen oder mit plakativen sprachlichen Bildern Ängste zu schüren. Statt dessen werden die unterschiedlichen Prognosen über das Ausmaß des Menschen Wachstums und seine Konsequenzen mit allen ihren Unsicherheiten beschrieben und nachvollziehbar abgewogen.

Das Buch erreicht nicht die analytische Schärfe, mit der sich Hans Jonas des globalen Bevölkerungswachstums angenommen hat, es verströmt auch nicht das bezwingende Pathos eines Robert Jungk, doch es verbindet zweierlei, nämlich Anregung und Aufklärung.

Michael Sontheimer