Von Michael Lüders

Ajatollah Ali Korani drückt auf die Maus, und auf dem Bildschirm erscheint in geschwungenen arabischen Lettern der Schriftzug: Im Namen Gottes, des Barmherzigen und Allerbarmers. Noch ein Klicken, und wir sind im Computerprogramm „Al-Imam al-Mahdi“. Mahdi bedeutet „rechtgeleitet“ und meint den zwölften Imam der Schiiten, der im Jahr 874 „in die Verborgenheit entrückte“ und am Tag der Auferstehung die Menschheit erlösen wird. Mit High-Tech ist dieser Ajatollah auf den Spuren religiöser Mysterien. Qom, die Heilige Stadt, 140 Kilometer südwestlich von Teheran, gilt als Hochburg radikaler schiitischer Theologen. Hier wurden die Ideen der islamischen Revolution geboren, hier treffen sich islamische Fundamentalisten und politische Gegner des Westens. Gewalt ist an diesem Ort nicht nur ein Wort. Die schiitischen Geiselnehmer im Libanon fanden in Qom Verständnis und bisweilen Unterstützung, finanziell wie propagandistisch. Auch nach innen herrscht mitunter ein mörderisches Dogma. Noch immer werden Ehebrecherinnen unweit des Marktes in Qom zu Tode gesteinigt.

Im Computerzentrum der religiösen Metropole ist von Politik nichts zu spüren. Die siebzig Gelehrten, die seit vier Jahren an einem weltweit einzigartigen enzyklopädischen Projekt arbeiten, scheinen besessen von ihrer Idee: der elektronischen Speicherung aller verfügbaren islamischen Schriften aus vierzehn Jahrhunderten. Bislang wurden 2500 Textsammlungen eingegeben, überwiegend alte Handschriften und die wichtigsten Kommentare der fünf großen Rechtsschulen. In sechs Jahren soll auch die letzte Zeile dieser tonnenschweren Literaturmenge digital verarbeitet, Zeichen um Zeichen doppelt und dreifach überprüft sein, um Eingabefehler zu vermeiden. Geistliche und Gelehrte werden dann nicht mehr jahrelang nach bestimmten relevanten Textstellen islamischer Gesetze und Überlieferungen suchen müssen. Ein Klicken mit der Maus, im Programm „Al-Imam al-Mahdi“ beispielsweise – „und der Benutzer erfährt alles über den Erlöser“, wie Ali Korani mit Talar und Turban sich das ausmalt. Der selbstbewußte Mittfünfziger fährt fort: „Auch über sein Versprechen zu erscheinen am Tag des Lichts. Wenn sich das Erdenreich erfüllt mit seiner Herrlichkeit und der Mahdi Seite an Seite mit Jesus, Christus, dem vom Himmel Hinabgestiegenen, Recht sprechen wird.“

Alle Theologen in Qom reden über spirituelle Fragen in dieser beiläufigen Selbstverständlichkeit, die Europäern überaus befremdlich erscheint. Alles in Qom ist Religion, die Kleidung, die Sprache, die Gestik. „Gott“ steht an den Fensterscheiben einer Bäckerei, „Herr der Zeit“ an einem Buchladen. Die Hauptverkehrsstraßen überspannen Spruchbänder mit Losungen wie: „Der Friede sei mit Dir, o Befehlshaber der Gläubigen“. Gemeint ist Ali, Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, erster Imam, also religiöser Führer und Namensstifter der Schiiten. „Schi’at Ali“ bedeutet „Partei Alis“. Seine Parteigänger erkennen allein ihn als rechtmäßigen Nachfolger Mohammeds in der Führung der islamischen Gemeinde an und betrachten seine drei Vorgänger – im Gegensatz zur Mehrheitsströmung der Sunniten – als Usurpatoren.

Wie lassen sich in diesem Umfeld High-Tech und Computer einführen, wie verträgt sich das westliche „Teufelszeug“ mit Religion? „Gott ist Wahrheit, und alles, was der Wahrheit dient, ist in sich selbst Wahrheit“, meint Ajatollah Ali Korani. Das Computerzentrum ist eines von etwa hundert religiösen Instituten, die gemeinsam das theologische „Wissenschaftszentrum“, die Hawza, von Qom bilden. 25 000 Studenten sind hier eingeschrieben, darunter 3000 Ausländer und 1000 Frauen, die getrennt von den Männern studieren. Qom ist die Hochburg der islamischen Revolution und neben der südirakischen Stadt Nadjaf, Alis Grabstätte, das älteste Zentrum schiitischer Lehre. An einer alten Karawanenstraße gelegen, wurde Qom vor fast 1400 Jahren von jemenitischen Stämmen gegründet. Zum schiitischen Wallfahrtsort entwickelte sich die Stadt, als dort im Jahr 816 oder 817 Fatima, „die Unfehlbare“, starb und begraben wurde, die Schwester des achten Imams. Ihr gewaltiges Mausoleum mit goldener Kuppel dominiert heute noch das Stadtbild der staubigen und trotz einer Million Einwohner verschlafenen Metropole.

Der Aufstieg zur politischen Hochburg der Schiiten begann vor etwa siebzig Jahren, als der bedeutende Theologe Ajatollah Ha’eri den veralteten Lehrbetrieb in Qom reformierte und die Hawza gründete. Einer seiner bekanntesten Schüler, der selbst vierzig Jahre in Qom lehrte und Tausende von Theologen ausgebildet hat, war der spätere Revolutionsführer Ajatollah Chomeini. Traditionell warten schiitische Geistliche eher passiv auf das Erscheinen des Mahdi. Chomeini dagegen wußte Heilserwartung mit politischer Aktion zu verbinden. Er mobilisierte die Gläubigen im Namen des Mahdi für die islamische Revolution und sah sich selbst als dessen Stellvertreter. Im Gegensatz zum Christentum gibt es im Islam keinen institutionalisierten Klerus. Die geistlichen Führer der Schiiten werden folglich nicht gewählt oder eingesetzt wie etwa der Papst und seine Bischöfe. Gleichwohl kennen die Schiiten eine Art Hierarchie: Ajatollah wird, wer in Jahrzehnten überzeugender theologischer Lehre und vorbildlicher Lebensführung seine eigene Gefolgschaft sammelt. Dafür die Grundlage zu bilden, dient die Hawza in Qom.

Das System ihrer Ausbildung erinnert entfernt an Oxford oder Cambridge. Studierende und Lehrende bilden enge Gemeinschaften, und beide sind für ihr weiteres Fortkommen aufeinander angewiesen, bilden Seilschaften fürs Leben. Die Hawza beruht auf Freiwilligkeit. Es gibt keine Prüfungen, keine verpflichtenden Regeln, keine festgelegte Studiendauer.

„Zu Beginn des Studiums“, erzählt Mohsen Kadivar aus Teheran, „sucht sich jeder Schüler seinen Meister. Dabei geht es nicht allein um Inhalte. Je höher das Ansehen des Lehrenden, um so größer seine Gefolgschaft. Der Gradmesser des Erfolgs, für einen Ajatollah ist die Zahl seiner Zuhörer bei den Freitagspredigten. Je mehr Gläubige ihn verehren und seinem Rat vertrauen, um so mehr Spenden und Geld erhält er. Gläubige Schiiten, vor allem die Leute im Basar, die großen und die kleinen Händler, zahlen ein Fünftel ihres Einkommens an den Klerus. Ein Ajatollah mit viel Geld hat entsprechend viel Macht und Einfluß. Er verteilt es an Bedürftige oder investiert es nach seinen Vorstellungen. Die einzelnen Institute der Hawza sind alle Gründungen verschiedener Ajatollahs. Sie zahlen Stipendien an die Studenten, um die Zahl ihrer Anhänger und damit ihren Einfluß zu mehren. Die Hawza ist also keine gewöhnliche Universität, sie ist ein gesellschaftliches Labor. Wer in Qom das Sagen hat, bestimmt die Politik im Iran.“

Wir sitzen im Innenhof der ältesten theologischen Fakultät in Qom. Alle Seiten werden umschlossen von zweistöckigen Flügeln, in denen die Unterkünfte der Studenten liegen. Meist teilen sich drei oder vier ein kleines, spartanisch eingerichtetes Zimmer. Blau und türkis sind die Farben von Qom, der Schulen und der Moscheen. Überall prächtige Mosaiken in den Farben des Paradieses. Studenten und Professoren sitzen im Schneidersitz auf dem Boden, dozieren und disputieren. Da es keine Prüfungen gibt und keine Noten, entscheiden rhetorische Fähigkeiten und religiöses Wissen über Aufstieg und Status der Mullahs.

„Das Studium in Qom umfaßt drei Stufen“, erklärt Mohsen Kadivar, ein Student der höchsten Stufe. „Die erste Stufe heißt muqaddamat, Vorbereitung, und dauert gewöhnlich fünf bis sechs Jahre. In dieser Zeit lernen wir Arabisch, die Sprache der koranischen Offenbarung, und Rhetorik. In der zweiten Stufe, suth genannt, Oberfläche, befassen wir uns mit klassischen Texten, mit Philosophie und islamischem Recht. Das dauert ungefähr fünf Jahre. Dann kommt die höchste Stufe: charidj, Draußen. Wir interpretieren den Koran und die religiösen Überlieferungen. Bücher werden kaum noch zu Rate gezogen, wir müssen eigene Urteile fällen. Wir dürfen Talar und Turban tragen und haben das Recht, Texte oder Ansichten großer Gelehrter zu kritisieren. Die Dauer dieser Stufe ist unbegrenzt.“

Es liegt im Ermessen des Lehrmeisters, seinen Studenten nach eingehender Beobachtung die Erlaubnis zu erteilen, als Mudjtahid zu wirken – ein Privileg, das mindestens fünfzehn Jahre Studium erfordert. Ein Mudjtahid, ein „selbständig Forschender“, ist der ranghöchste Interpret schiitischer Lehre. Er gilt als moralische Instanz und entscheidet, wie sich die Gläubigen im Lichte islamischer Traditionen und Gebote zu verhalten haben. Er macht Politik, indem er sich zu gesellschaftlichen Fragen äußert; er wirkt als Jurist, insbesondere im Ehe-, Familien- und Erbrecht; er ist anerkannter Schiedsrichter bei Streitigkeiten; er bestimmt, welche Musik, welche Getränke, welche Bekleidung religiös erlaubt sind und welche nicht.

Der Einfluß eines Mudjtahids entspricht der Größe seiner Gefolgschaft. Seine Urteile sind nicht verbindlich für die Anhänger anderer Mudjtahids, wenngleich grundlegende theologische Differenzen eher die Ausnahme sind. Religiöse Autorität, Lebensalter, Macht und Einfluß legen die Rangfolge fest. Der erste Ehrentitel, den ein Mudjtahid erwerben kann, lautet Hojatoleslam, „Beweis des Islams“. Der iranische Präsident Rafsandjani beispielsweise trägt diesen Titel. Die nächste Stufe ist Ajatollah, „Zeichen Gottes“, und eine ganz kleine Zahl von Theologen schafft es bis zum Großajatollah, genannt „Vorbild der Nachahmung“. In Qom gibt es etwa 600 Mudjtahids und sechs bis zehn „Vorbilder“. Das jüngste Vorbild ist gerade achtzig geworden.

Ein langer Weg zur Heiligkeit. Nur der kleinste Teil der Studenten steigt auf zum Mudjtahid. Die anderen werden einfache Theologen, Beamte, Lehrer; manche studieren allein aus Prestige, bevor sie Händler werden im Basar. Gläubige Schiiten sind verpflichtet, ein „Vorbild der Nachahmung“ zu wählen und ihm zu folgen. Nur gibt es im Schiitentum viele „Vorbilder“, deren äußere Be-

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scheidenheit häufig nicht mehr als eine Maske ist. Im Wettbewerb um Gläubige und Geld wird mit harten Bandagen gekämpft. Eine Möglichkeit, Rivalen kaltzustellen, ist die Denunziation als „Ketzer“, „Ungläubige“, gar als „Feinde des Islam“.

Eine meist subtilere Methode der Profilierung von Ajatollahs ist die Fatwa, das religiöse Rechtsgutachten. Allerdings verlangt sie Feingefühl. So entschied etwa der kürzlich verstorbene Ajatollah Golpaygani in den fünfziger Jahren, Papiergeld sei unislamisch, da sein Wert nicht auf Gewicht oder Volumen beruhe. Ein dramatischer Sympathieverlust besonders unter Basarhändlern war die Folge. Eigentore dieser Art werden grundsätzlich nicht widerrufen, sondern unter den Teppich gekehrt, nach Möglichkeit in der Öffentlichkeit nicht mehr angesprochen, um Gesichtsverlust zu vermeiden. Mag sein, daß Golpaygani aus seinem damaligen Fehler gelernt hat. Immerhin war er der Begründer des Computerzentrums in Qom.

Eine Fatwa ist eine Fatwa, niemand wird sie widerrufen. Erst recht nicht, wenn ihr Urheber Ajatollah Chomeini heißt, dessen Vermächtnis fünf Jahre nach seinem Tod unantastbar scheint. Das Todesurteil gegen Salman Rushdie wird niemals aufgehoben werden, weil es keine theologische Instanz gibt, die diesen Schritt vollziehen könnte. Kein Ajatollah wird es wagen, eine Fatwa des einflußreichsten Theologen jüngerer schiitischer Geschichte öffentlich zu kritisieren. Westliche Politiker, die Rushdie helfen wollen, sollten dies diskret tun – Druck auf die iranische Regierung nur hinter verschlossenen Türen, weil es sonst nicht gelingt, die Fatwa nach alter Gepflogenheit unter den Teppich zu kehren. Das ist unbefriedigend, aber es gibt keine andere Lösung. Und sie wird Jahre und Jahrzehnte dauern.

Ajatollah Chomeini sicherte seine Alleinherrschaft durch das höchst umstrittene Konzept der „stellvertretenden Herrschaft des islamischen Rechtsgelehrten“ (velayat-e-faqih), der in Abwesenheit des Mahdi, des Erlösers, regiert. Allein Gott schuldet er Rechenschaft, nicht aber dem Volk. Erstmals seit der „Entrückung“ des zwölften Imams vor über tausend Jahren lagen damit politische und religiöse Macht wieder in einer Hand. Genau daran aber stießen sich Theologen in Qom: Für sie entsendet nur Gott den Mahdi, und keinem Menschen steht es demnach zu, sich zum Stellvertreter des Erlösers zu erheben. Kein religiöser Führer, so sagte der 72jährige Ajatollah Montazeri aus Qom, dürfe das Volk geringer schätzen als Gott. Montazeri sollte eigentlich Nachfolger Chomeinis werden. Doch wegen seiner Kritik an den schweren Menschenrechtsverletzungen im Iran bestimmte Chomeini kurz vor seinem Tod einen anderen Nachfolger: den heute 55jährigen Ajatollah Chamenei.

Das Dilemma des derzeitigen Revolutionsführers ist seine Farblosigkeit. Chamenei hat nicht das Charisma Chomeinis und gilt als bedeutungsloser Theologe, nicht zuletzt aufgrund seines geringen Alters. Seine Macht stützt sich auf die Armee und den Staatsapparat mit seinen Beamten. Auf Dauer kann er nur bestehen, wenn er wie Chomeini als höchstes „Vorbild der Nachahmung“ anerkannt wird. Für dieses Ziel führt er einen intrigenreichen Krieg gegen die Hawza in Qom.

Bislang finanziert und verwaltet sich die Hochschule allein und ist staatlichen Behörden keinerlei Rechenschaft schuldig. Doch im vorigen Jahr gab Chamenei bekannt, er werde die Kontrolle der Hawza übernehmen. Er will sich zum Rektor ernennen und sich quasi auf dem Dienstweg zum „Vorbild“ küren. Sollte Chamenei tatsächlich die Hawza verstaatlichen, wäre dies ein einzigartiger Affront gegen die Geistlichkeit. Offenbar ist Chamenei entschlossen, diesen Machtkampf zu wagen. Kürzlich wurden einflußreiche Gefolgsleute Ajatollah Montazeris verhaftet; er selbst, der wichtigste Gegenspieler Chameneis, wurde unter Hausarrest gestellt.

Diese Intrigen zeigen, wie anfällig politisch instrumentalisierte Religion ist für Machtmißbrauch – im Islam nicht anders als im Christentum. Das gängige Klischee, wonach der Islam in sich selbst fanatisch und fortschrittsfeindlich sei, widerlegt die Realität. Ajatollah Montazeri ist ein weitsichtiger Theologe. Mögen viele Studenten und Dozenten in Qom auch weltfremd wirken – unversöhnliche Hardliner sind die wenigsten. Fünfzehn Jahre islamische Revolution im Iran verlangen ihren Tribut. Auch die Theologen zeigen sich oftmals desillusioniert, glauben immer weniger der staatlichen religiösen Propaganda. Im Iran wiederholt sich die Erfahrung Europas vor der französischen Revolution: Macht und Religion, Klerus und Offenbarung sind auf Dauer nicht zu versöhnen.

Längst zeigen die Intrigen in Qom auch außenpolitische Wirkung. Um den Machtanspruch Chameneis abzuwehren, könnten sich die bislang proiranischen Schiiten im Libanon von Teheran abwenden. Ihr religiöses Oberhaupt, Sheikh Fadlallah, ehemals Student der Hawza, hat wiederholt erklärt, das ranghöchste „Vorbild der Nachahmung“ müsse keineswegs aus dem Iran stammen. Fällt Qom an Chamenei, wird die zweite große Stätte schiitischer Lehre zwangsläufig aufgewertet: Nadjaf im Irak. Die allerdings steht längst unter der Kuratel Saddam Husseins.