Von Peter Turrini

Meine literarischen Werke kommen nicht ohne einen Titel aus. Meine Gedichtbände haben einen Titel, meine Essays haben einen Titel, meine Theaterstücke haben einen Titel, manche bestehen sogar nur aus einem Titel, und selbstverständlich hat auch diese Rede einen Titel. Er lautet: „Wie verdächtig ist der Mensch?“, denn ich denke mir, daß wir uns gegenseitig nicht mehr wahrnehmen, sondern einander nur noch verdächtigen können. Wir können keine Stellung zueinander einnehmen, wir können uns nur etwas unters teilen. Jeder verdächtigt jeden, und alle haben einen Verfolgungswahn. Wenn es so etwas wie eine österreichische Seele gibt, dann ist sie mit Sicherheit paranoid.

Männer verdächtigen Frauen, und Frauen verdächtigen Männer. So nahe können wir gar nicht beieinander liegen, daß wir uns wirklich nahekommen. Denn zwischen uns histen die Vorstellungen, wuchern die Bilder, türmen sich die Erwartungen zu solchen Bergen, daß wir uns nicht mehr sehen, wenn wir beieinander stehen oder miteinander liegen. Die Vorstellungen, die Bilder, die Erwartungen sind frei und grenzenlos, vereinigen alle Wunder, und wir sind so unförmig und so alt und so langweilig und haben womöglich noch einen Ausschlag. Wir sind, sosehr wir uns auch anstrengen und alles kaschieren, immer eine Enttäuschung.

Wenn Männer und Frauen einander nicht mehr entsprechen, dann gibt es einen Ausweg. Die Waren entsprechen immer, sofern die Auswahl groß genug ist. Die Pornoindustrie, welche mit ihren Umsätzen gerade die Stahlindustrie überrundet, bietet beispielsweise vierzig verschiedene Analstöpsel zur Auswahl an. Designer, welche früher in der Automobilindustrie gearbeitet haben, arbeiten jetzt in der Pornoindustrie, an immer perfekteren Nachbildungen von Männern und Frauen, in Latex. Die sind unverdächtig und keimfrei. Und sollten Sie, die hier Anwesenden, keinen Umgang mit solchen Artikeln haben, dann muß – statistisch betrachtet – die Bevölkerung außerhalb dieser Halle im Dauerkonsum liegen.

Glauben Sie nicht, daß ich von der Warte des besseren Menschen aus argumentiere oder gar moralisiere. Es ist mir grundsätzlich gleichgültig, wer sich womit verstöpselt. Als Dramatiker beschreibe ich die Konflikte zwischen den Menschen, das Glück und das Unglück in den Beziehungen, in meinen Stücken flüstern oder reden oder schreien die Menschen miteinander, aber was soll einer flüstern oder reden oder schreien, der mit einer aufblasbaren Latexpuppe verkehrt? Ein Leben lang habe ich Wortbrücken gebaut und Satzbauten errichtet und stehe daher ziemlich hilflos vor den stummen und abwaschbaren Surrogaten des Menschen. Und noch etwas: Neben der Pornoindustrie boomt eine weitere Verschließungsindustrie. Die Hersteller von allem, was abschließt und wegschließt, machen die allergrößten Geschäfte. Da sitzt er nun, der gestöpselte Mitteleuropäer, allein in seiner Wohnung, geschützt von Schlössern und Alarmanlagen, und lebt das Drama der neuesten Art, in dem es keine Auf- und Abtritte mehr gibt, kein Lieben und kein Hassen mehr, kein Reden und Gegenreden, sondern Bilder von solchen Vorgängen, jede gewünschte Menge von Bildern, und die Stille am Ende des Programms. Die aktuellste Ausgabe des Menschen ist das autonome Monster, Selbstdarsteller in einem Einpersonenstück voller Sehnsucht nach dem Anderen und voller Angst vor dem Anderen und voller Abwehr gegenüber allem, was den eigenen Vorstellungen nicht entspricht.

Am wenigsten entspricht das offensichtlich Andere, das Fremde, die Fremden, die Ausländer. Sie sind das Auffangbecken aller Verdächtigungen. An ihnen handelt jeder Dreckskerl seinen eigenen Dreck ab. In Deutschland ist man vom Menschenverdächtigen zum Menschenanzünden übergegangen, und in Österreich wird der nämliche Vorgang vorbereitet, wird das Feuer geschürt, angefacht von den Wortbläsern des Fremdenhasses.

Ich habe es oft gesagt, und ich will es immer wieder sagen: In keinem anderen Lande Europas ist der Fremdenhaß so verbreitet und so idiotisch wie in Österreich. Denn was man hierzulande dem Fremden unterstellt, was man an ihm ablehnt, wessen man ihn verdächtigt, das ist immer ein Teil von einem selbst. Ein Österreicher, der einen Tschechen oder Kroaten beschimpft, beschimpft sich selbst. Der ethnisch reine Österreicher ist eine Erfindung, es gibt ihn nicht. Es gibt keinen österreichischen Bundespräsidenten, es gibt keinen österreichischen Bundeskanzler. Es gibt und gab jüdische und kroatische und tschechische Einwanderer und deren Nachkommen in besagten Positionen. Was man Österreicher nennt, ist ein europäisches Gemisch gleichen Namens, eine Promenadenmischung, die den Glücksfall ihrer Mischung nicht wahrhaben will und sich immer wieder als deutscher Schäferhund ausgibt. Stellen Sie sich das bildlich vor: Eine Promenadenmischung setzt sich die Ohren eines Schäferhundes auf und bellt großdeutsch. Das macht die österreichischen Fremdenhasser so lächerlich und so unberechenbar.